Inhalt:
- Kontinuität
- Die Feuerwehr rettet Leben!
- Hilferuf aus Odessa
- Zwei Netzwerke verbinden sich
- Hilfe für Waisenkinder
- Hilfe für an Diabetes erkrankte Kinder
- Danke an Zentis
- La Capuche Mobilisée
- Kleiderspenden für Calais
- Humanitäre Krise und rechtsextreme Desinformation
- Die „Chaos-Kids“ in Calais
- Und wieder eine neue Satzung
- HEJ in Bonn
- 4 Jahre HEJ
Kontinuität
Wer diesen Rundbrief aufmerksam durchliest, dem werden drei geografische Schwerpunkte auffallen: die Ukraine, Calais und Bosnien. Und wer den Rundbrief schon länger abonniert hat, wird sich nicht wundern, denn dort arbeiten wir schon länger.
Vielleicht fällt auch auf, dass wir fast kein Projekt ohne Kooperationspartner machen. Klar, wir benötigen Partner vor Ort. Aber wir brauchen auch Partner in Deutschland, mit denen wir gemeinsam größere Projekte stemmen können. Und auch da fallen immer wieder die gleichen Partnerorganisationen auf. Man kennt sich, man vertraut sich – das macht es einfacher.
Auch unsere Projekte laufen schon sehr lange oder wiederholen sich in ähnlicher Form.
Diese Kontinuität macht uns wiederum zu einem verlässlichen Partner für andere.
Gute und erfolgreiche Zusammenarbeit macht es einfacher, neue Projekte spontan anzugehen.
So wie den Kauf eines Feuerwehrautos für das ukrainische Odessa. Der Bedarf ist unmittelbar klar, ein Feuerwehrauto war schnell gefunden, die Entscheidung schnell getroffen: Machen wir! Fehlt nur noch das Geld. 13000 €. Schaffen wir!
Geld fehlt auch für die Beschaffung von Hilfsmitteln für Diabetes-kranke Kinder in der Ukraine. Leider ist Diabetes nicht heilbar, die Hilfsmittel werden deshalb dauerhaft benötigt. Das heißt aber auch, wir benötigen dauerhaft Spenden, am besten regelmäßig. Schaffen wir das?
Die Situation in Calais ändert sich seit Jahren nicht entscheidend. Deshalb helfen wir unseren Partnern dort auch schon seit Jahren. Mal mit Zelten, mal mit Kleidung – auf jeden Fall verlässlich. Und dieses Jahr sogar mit einem Spielplatz, den die Chaos-Kids mit unserer finanziellen Hilfe gebaut haben.
Mit der Hilfe für Bosnien ist unser Verein 1993 entstanden. Nach wie vor sind wir dort aktiv. Mit HEJ entwickelt sich das, was wir unter „interkultureller Friedensarbeit“ verstehen. HEJ-Kids bekommen Besuch aus Deutschland, HEJ-Kids besuchen Deutschland, HEJ-Kids fahren zum World-Child-Forum nach Davos – wir glauben, dass HEJ einen sehr positiven Einfluss hat.
Wir können nicht die ganze Welt ändern, aber da, wo wir aktiv sind, ändern wir etwas – garantiert.
Der Vorstand des Aachener Netzwerks
Die Feuerwehr rettet Leben!
Was in Deutschland klingt wie ein Werbespruch, ist in der Ukraine bitterer Ernst.
Je näher man sich an der Front befindet, desto ernster ist es. Eine der besonders be- und getroffenen Städte ist die (ehemalige) Millionenstadt Odessa. Die bedeutendste Hafenstadt der Ukraine, UNESCO-Welterbe, wird fast täglich von Drohnen, Bomben und Raketen heimgesucht.
Entsprechend häufig hört man die Sirenen und sieht die dazugehörigen Feuerwehrautos.
Und genau daran fehlt es der Stadt Odessa.
Über den Verein Gora Dobra UA – (Berg des Guten) erreichte uns nun die Bitte (siehe unten), ein Hilferuf der Verwaltung von Odessa:
Wir brauchen ein Feuerwehrauto! Dringend!
Gora Dobra UA kooperiert mit dem Verein Kipepeo in Winterberg und dem Aachener Netzwerk. Und in Winterberg fand sich auch schnell ein Feuerwehrauto, das gerade außer Dienst gestellt wird.
12.500 € kostet das HLF 10. Dazu noch mal 500 € Sprit für die Überführung.
Also 13.000 €, vielleicht ein bisschen mehr.
Zusammen können wir es stemmen!
Seid ihr dabei?
Dann überweist uns bitte eine großzügige Spende an das „Aachener Netzwerk e.V.“ mit der IBAN DE21 3905 0000 0000 3170 08, dem Kennwort „Feuerwehr“ und, wenn ihr mögt, eurer Adresse.
Natürlich bekommt ihr eine Spendenbescheinigung!
Helmut Hardy
HLF 10
(Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug 10)
Fahrgestell MAN 8.163 L-LF
Aufbauer: Ziegler
Baujahr 1999
Leistung: 103 KW
Wassertank: 600 Liter
Sitzplätze: 9
Kilometerstand: 19.062
Hilferuf aus Odessa
An den
Bürgermeister der Stadt Winterberg,
Herrn Michael Beckmann
sowie
Kipepeo-fair und sozial e.V.,
Herrn Jan van Egmond
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sehr geehrter Herr van Egmond!
Bitte nehmen Sie meinen tiefsten Respekt und meine Dankbarkeit für die unerschütterliche Solidarität, Unterstützung und Hilfe entgegen, die das deutsche Volk der Ukraine und der Stadt Odessa seit Beginn der umfassenden bewaffneten Aggression gegen unser Land entgegengebracht hat.
Wir wenden uns an Sie mit der Bitte um humanitäre Hilfe zur Sicherung des Lebensunterhalts und der Sicherheit der Bevölkerung von Odessa unter den Bedingungen des Kriegsrechts.
Aufgrund der erhöhten Belastung der Zivilschutzdienste und der Notwendigkeit einer schnellen Reaktion auf Notfälle besteht in der Stadt Odessa ein dringender Bedarf an spezialisierter Feuerwehrausrüstung.
Insbesondere bitten wir Sie höflich, die Möglichkeit zu prüfen, ein Feuerwehrauto als humanitäre Hilfe zur Verfügung zu stellen.
Die Bereitstellung solcher Ausrüstung würde die Kapazitäten unserer Rettungsdienste erheblich verbessern, eine schnellere Reaktion auf Brände und andere Notfälle gewährleisten und dazu beitragen, das Leben und Eigentum unserer Einwohner zu schützen.
Wir wären Ihnen für Ihre Unterstützung und Solidarität in dieser für die Ukraine schwierigen Zeit aufrichtig dankbar. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit und die Stärkung der Partnerschaft zwischen unseren Gemeinden.
Wir möchten Ihnen erneut unseren aufrichtigen Respekt versichern.
Die amtierende
Leiterin der
Militärverwaltung der Stadt Odessa
Nadiia ZADOROZHNA
Zwei Netzwerke verbinden sich
Tetyana Lutsyk kennen wir schon seit über 10 Jahren. Zusammen haben wir uns für Menschen auf der Flucht eingesetzt. Nun weiten wir unsere Zusammenarbeit aus:
Seit einiger Zeit besteht ein kooperatives Verhältnis zwischen dem Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V. im Rahmen der Arbeit für und mit geflüchteten Menschen und der Seelsorge mit Geflüchteten im Bistum Aachen.
Neben der Herbert Kaefer-Preisverleihung für Mut zur Solidarität und globale Gerechtigkeit unterstützt die Seelsorge mit Geflüchteten des Bistums Aachen die beiden Projekte des Aachener Netzwerkes – ein Feuerwehrauto für die südukrainische Stadt Odessa und Hilfe für diabeteskranke Kinder, die in Kooperation mit weiteren Vereinen entstanden sind.
Gerne schließen wir uns den Projektideen an und setzen ein ein gemeinsames Zeichen – für zivilen Schutz und medizinische Versorgung von Kindern in einem vom Krieg gebeutelten Land.
Wir werden über verschiedene Kommunikationswege unsere Netzwerkpartner und Freunde einladen, sich als Sponsor an einem oder an beiden Projekten zu beteiligen und diese so gemeinsam möglich zu machen.
Tetyana Lutsyk
Bischöfliches Generalvikariat Aachen
Diözesanbeauftragte
für Seelsorge mit Geflüchteten
Diözesanbeauftragte
für Seelsorge mit Sinti und Roma
Hilfe für Waisenkinder
Am 24. Februar fand anlässlich des 4. Jahrestages des russischen Überfalls auf die Ukraine eine bewegende Gedenkfeier in der Aachener CityKirche statt. Viele Menschen kamen zusammen, um der Opfer des Krieges zu gedenken und gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung und Solidarität zu setzen.
Im Rahmen der Veranstaltung wurden Spenden für Waisenkinder mit Behinderung in der Ukraine gesammelt. Dank der großen Unterstützung der Besucher konnte eine wertvolle Hilfe für die betroffenen Kinder ermöglicht werden. Die Spenden wurden genutzt, um den Kindern notwendige Versorgung, Unterstützung und kleine Momente der Freude zu schenken.
Einkauf mit unseren Spendengeldern
Die Gedenkfeier war nicht nur ein Moment des Erinnerns, sondern auch ein Zeichen des Zusammenhalts.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Solidarität keine Grenzen kennt und dass jede Hilfe einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Kinder leisten kann.
Julia Shporina
Hilfe für an Diabetes erkrankte Kinder
Im letzten Rundbrief haben wir darüber berichtet, dass sich vier Vereine zusammen getan haben, um Kindern in der Ukraine zu helfen: Natürlich das Aachener Netzwerk, dazu Kipepeo aus Winterberg, die Kriegskindernothilfe e.V. aus Bayreuth sowie der ukrainische Verein Gora Dobra UA – Berg des Guten. Ende Februar kam die erste Lieferung des Aachener Netzwerks in Lviv an: 14 Libre 3 CGM-Sensoren sowie 3 Libre 3 Reader. Die Sensoren müssen 14tägig ausgetauscht werden, bei den Readern muss man höchstens die Batterien wechseln.
Tanja von Gora Dobra mit einem Kind –
die Augen hätten wir normalerweise verpixelt
Wir konnten also 3 Kinder mit einem Kit für 8 Wochen ausrüsten. Entsprechend mussten wir schnell nachlegen – und die nächsten 14 Sensoren kamen Mitte Mai in Lviv an.
Mit im Bild sind auch die Gummibärchen der Aachener STAWAG. Die können im Falle einer Unterzuckerung lebenswichtig sein. Aber sie schmecken auch sonst.
Helmut Hardy
Danke an Zentis
Am 20. April waren wir zusammen mit Hartmut, Wolfgang und Didi von Lohmar hilft e.V. bei Zentis. Manu Gardeweg schrieb dazu:
Netzwerk rockt💪
Dank der Vermittlung von Helmut Hardy vom Aachener Netzwerk durfte unser Team heute bei der Fa. Zentis in Aachen einen größeren Schwung Kartons abholen.
Nachhaltigkeit wird bei uns GROSS geschrieben und deshalb hauchen wir den ehemaligen Marmeladendeckelkartons im Lager Troisdorf neues Leben und neue „Füllung“ ein.
Ein Dankeschön geht auch an unseren LKW-Verleiher Yunus von der Fa. AVIS, die uns stets den richtigen LKW zur Verfügung stellen.
15 Paletten hatten wir geordert, 3 haben wir noch on top gestapelt, es waren also insgesamt 18.
Der Staplerfahrer von Zentis war eine große Hilfe
Helmut Hardy
La Capuche Mobilisée
La Capuche Mobilisée wurde Ende 2024 gegründet, um den Bedarf an Kleidung und Unterkünften für vertriebene Männer und unbegleitete Minderjährige an der britisch-französischen Grenze in Calais zu decken, nachdem Collective Aid, eine Organisation, die diese Dienste bis Ende 2024 erbracht hatte, ihre Arbeit in Calais eingestellt hatte.
Wir arbeiten mit einem Kreislauf sich ergänzender Dienste: Verteilung von lebensnotwendigen Gütern, Wäscheservice sowie Sammlung und Wiederverwendung von zurückgelassener Kleidung und Campingausrüstung.
Obwohl das französische Recht den bedingungslosen Zugang zu Notunterkünften vorsieht, bieten die Behörden den Tausenden von Menschen, die jedes Jahr in der Hoffnung, das Vereinigte Königreich zu erreichen, an der Nordküste ankommen, weitgehend unzureichende Lösungen an. Das ganze Jahr über sind zwischen 500 und 2.000 Menschen gezwungen, in und um Calais im Freien oder in verlassenen Gebäuden zu übernachten. Der französische Staat kommt nicht nur seinen gesetzlichen Verpflichtungen nicht nach, sondern verfolgt zudem eine Politik der „Null-Toleranz“, die dazu führt, dass Menschen im Durchschnitt alle 48 Stunden aus ihren Wohnstätten vertrieben werden. Bei diesen Einsätzen werden persönliche Gegenstände wie Zelte, Decken und Kleidung beschlagnahmt, zerstört oder zurückgelassen.
La Capuche Mobilisée setzt sich für eine Lösung ein, die sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig ist. In Calais wird diese Vision durch einen kontinuierlichen Kreislauf von Hilfsangeboten verwirklicht:
Verteilung von Hilfsgütern
Wir verteilen Zelte, Schlafsäcke und Planen über ein System individueller Anfragen per Telefon sowie über ein Offline-Empfehlungssystem im Tageszentrum des Secours Catholique. Jeden Monat geben wir bis zu 400 Zelte und 800 Schlafsäcke aus.
Darüber hinaus stellen wir Kleidung über einen selbst organisierten Kleiderladen zur Verfügung, der an drei Tagen in der Woche geöffnet ist und sich im Stadtzentrum von Calais befindet.
Wäscheservice
Wir haben ein Netzwerk aus lokalen Freiwilligen aufgebaut, die bereit sind, Kleidungsstücke bei sich zu Hause zu waschen. Dank dieses Netzwerks können wir einen kostenlosen und leicht zugänglichen Wäscheservice für Menschen in Not anbieten, die ihre Kleidung waschen möchten. Die Kleidung wird bei unseren Streifengängen direkt an den Aufenthaltsorten abgeholt und nach dem Waschen und Trocknen wieder ausgegeben.
Wiederverwendung von gesammelter Campingausrüstung und Kleidung
Unser Team beteiligt sich außerdem an wöchentlichen Aufräumaktionen in informellen Siedlungen, wobei der Schwerpunkt insbesondere auf dem Einsammeln zurückgelassener Kleidung liegt. Diese Kleidungsstücke werden anschließend gewaschen und wieder in unseren Verteilungszyklus aufgenommen.
Darüber hinaus besteht ein großer Teil unseres Bestands aus Material, das auf Festivals gesammelt wurde, wo unser Team und Partnerorganisationen an groß angelegten Sammelaktionen von Campingausrüstung teilnehmen, die von Festivalbesuchern zurückgelassen wurde.
Im Jahr 2025 verteilten wir 3345 Zweipersonenzelte, 3189 Schlafsäcke und 1016 Planen; wir sammelten 168 kg Kleidung an informellen Wohnstätten und verteilten 1313 Zelte, 4001 Schlafsäcke und 103 Planen im Rahmen von Sommerfestivals.
Gesammelte Zelte
Wir sind ständig auf der Suche nach Quellen für Sachspenden, da der Bedarf in Calais jederzeit sehr hoch ist, insbesondere jedoch im Winter, wenn die Temperaturen regelmäßig unter null Grad fallen und es häufig regnet und windig ist.
Die Nachfrage ist so groß, dass wir nicht allen, die darum bitten, unsere Hilfe anbieten können.
Im Winter 2026/2027 hoffen wir, mindestens 5.200 Menschen versorgen zu können, was einem Bestand von 2.600 Zweipersonenzelten, 2.600 Planen und 5.200 Schlafsäcken oder Decken über einen Zeitraum von sechs Monaten entspricht.
Ein Teil dieser Ausrüstung wird von Festivals stammen, ein anderer Teil wird gekauft – doch unsere finanziellen Mittel sind begrenzt, und da ein komplettes Zelt-Set (ein Zelt, eine Plane, zwei Schlafsäcke) 25 € kostet, können wir nicht so viel kaufen, wie wir eigentlich bräuchten.
Außerdem hoffen wir, unsere Verteilung von Winterausrüstung wie warme Jacken, Winterschuhe, Thermokleidung, Jogginghosen, Handschuhe, warme Socken ausweiten zu können.
Wir sind dem Aachener Netzwerk sehr dankbar für die Unterstützung bei der Sammlung dieser wichtigen Hilfsgüter, die wir in den kältesten Monaten des Jahres verteilen können.
Simone John-Vanderpool
(La Capuche Mobilisée)
(Übersetzung aus dem Englischen mit Deepl)
Kleiderspenden für Calais
Willkommen in Richterich hat seine Kleiderkammer aufgelöst. Zufällig erfuhren wir davon und dachten, die könne man doch bestimmt in Calais gut gebrauchen. Aus dem Gedanken wurde schnell Realität. Eine Nachfrage in Calais, eine Bitte an Thomas Müller und schon ging es los:
Ende März war ich das erste Mal seit Längerem wieder in Calais. Ich hatte mein Auto, so gut es ging, mit Kleiderspenden aus Richterich bepackt: Kleidung für Frauen, Kinder und Männer, meist für die kalte Jahreszeit. Aber an der Küste, nachts in Camps oder wartend in den Dünen, ist Winterkleidung immer von Nutzen.
Das „warehouse“ in Calais
Ich lieferte die Kleidung im Warehouse verschiedener Initiativen in einem Gewerbegebiet am Rand von Calais ab – konkret: beim Refugee Womens Center. Die Initiative besteht seit den Zeiten des „Jungle von Calais“ und hat in den zehn seither vergangenen Jahren nie aufgehört, Frauen und Mädchen in dieser prekären Situation zu unterstützen. Hilfe erhält sie dabei u.a. von La Capuche Mobilisée, einer anderen auf die Sortierung und Verteilung von Kleidung spezialisierten Initiative.
All diese Initiativen arbeiten ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand. Ihre Arbeit basiert auf freiwilliger Tätigkeit sowie Geld- und Sachspenden.
Dr. Thomas Müller
Humanitäre Krise und rechtsextreme Desinformation
Die Situation auf der Kanalroute – dem Migrationspfad vom europäischen Festland über den Ärmelkanal in das Vereinigte Königreich – ist nach wie vor krisenhaft: Menschen leben in provisorischen Zeltcamps bei Calais und Dunkerque. Diese werden regelmäßig geräumt und bilden sich danach neu. Die Versorgung der Menschen mit Wasser, Lebensmitteln, Internetzugang, Kleidung, Information und rechtlichen Ressourcen wird noch immer hauptsächlich von der Zivilgesellschaft geleistet. Der Küstenstreifen, von dem aus Menschen die gefährliche Bootspassage beginnen, reicht etwa von der belgischen Küste bis zur Somme-Mündung. Einschüchterungen durch und Angst vor Schleusern ist für viele Alltag. Und nach wie vor versuchen Menschen ebenfalls, statt per Boot in einem Lastwagenversteck den Kanal zu passieren.
Zeltlager in Nordfrankreich
Im vergangenen Jahr durchquerten knapp 41.500 Menschen den Ärmelkanal in Schlauchbooten – die zweitgrößte Zahl seit Beginn dieser maritimen Migrationsroute im Herbst 2018. Zum erstem Mal lag die durchschnittliche Personenzahl an Bord jedes Schlauchbootes über 60. Im vergangenen Jahr ließen 41 Menschen im Zusammenhang mit der Kanalroute ihr Leben. Oft geschah dies in chaotischen Situationen beim Ablegen der Boote oder im Gedränge an Bord. Andere wiederum starben auf dem Festland: im Frachtverkehr, durch Suizid oder durch Gewalt. Seit Beginn des Jahres 2026 haben bereits 13 Menschen ihr Leben verloren (Stand: 20. Mai). Diese Zahlen mögen einmal mehr die Risiken verdeutlichen, denen Menschen an der Kanalküste ausgesetzt sind. Eine politische Lösung, etwa durch die Schaffung legaler und sicherer Routen, ist weder kurz- noch langfristig in Sicht.
Neu, aber im gegenwärtigen politischen Klima erwartbar, ist das Auftreten britischer Rechtsextremisten inmitten der humanitären Krise.
Bereits in den vergangenen Jahren reisten rechte Aktivisten gelegentlich in die Regionen um Calais und Dunkerque. Es kam zu provokativen Auftritten an Verteilungsstellen für Hilfsgüter oder an Aufenthalts- und Lebensorten Geflüchteter. Vor allem aber produzierten die Aktivisten reißerische Videos und speisten diese in innerbritische Kampagnen ein. Mehr und mehr wurde erkennbar, dass die US-amerikanische MAGA-Bewegung kein ideologisches Vorbild bot. Vielmehr erfuhren britische Rechtsextreme handfeste Unterstützung und öffentliche Aufwertung.
Seit September 2025 haben solche Aktivitäten stark zugenommen, allerdings bei weitem nicht so stark, wie die Aktivisten selbst es darstellen. Ausgangspunkt war die rechtsextreme Massenkundgebung Unite the Kingdom mit mehr als 100.000 Teilnehmenden am 13. September 2025 in London (dieselbe Veranstaltung, die am 16. Mai 2026 mit rückläufiger Zahl an Teilnehmenden noch einmal stattfand).
Im November und Dezember 2025 reiste eine Gruppe rechtsextremer Männer wöchentlich an die Küste bei Calais und Dunkerque, patrouillierte an bekannten Ablegestränden der Boote, filmte in mehreren Camps und verwickelte Geflüchtete in Gespräche.
Nachdem die Gruppe ein Team der Ärzte ohne Grenzen bedrängt und genötigt hatte, reagierte die französische Regierung mit einem Einreiseverbot. Die Rechtsextremen ihrerseits kündigten unter dem Kampagnenlabel Operation Overlord an, Ende Januar 2026 zu Tausenden an der Küste präsent zu sein und die Bootspassagen dauerhaft zu stoppen. Tatsächlich kam ein Dutzend und es wurde bekannt, dass sich die Rechten untereinander auf bizarre Weise überworfen hatten. Durch die Einreiseverbote an weiteren Reisen nach Frankreich gehindert, behauptet einer der Akteure seit April 2026, ein Boot für rechte Patrouillen im Ärmelkanal beschafft zu haben, allerdings gibt es für die Behauptung keine belastbaren Belege.
Sie reiht sich jedoch gut in eine Desinformationskampagne ein, die mit dem verstärkten Aktivismus der Rechtsextremisten an der französischen Küste stark zunahm und auch Widerhall in rechten Boulevard- und Alternativmedien findet. Dabei geht es um die Etablierung eines rassistischen Narrativs mit dem offen erklärten Ziel, im Fall einer rechten Machtübernahme „mass deportations“ nach dem Muster von ICE durchzuführen.
„Zelt“
Im Mittelpunkt der Desinformation steht die Behauptung, bei den Bootspassagen handle es sich um eine Invasion. Der Begriff „Invasion“ wird dabei inzwischen militärisch verstanden und behauptet, die Geflüchteten seien ausschließlich junge Männer aus islamischen Ländern im wehrfähigen Alter, die als eine Art Schattenarmee nach Großbritannien einsickerten. Die Geflüchteten werden systematisch mit Gewalt- und Sexualverbrechen in Großbritannien in Verbindung gebracht, und inzwischen sind offensichtlich aus dem Zusammenhang gerissene Videos im Umlauf, die sie als IS-Terroristen darstellen. Die Aktivisten, die im Herbst 2025 nach Nordfrankreich reisten, gaben vor, beweisen zu können, dass die französische Polizei mit Billigung der Regierungen in Paris und London die Menschen schleuse. Für sich selbst nahmen sie in Anspruch, Schlauchboote aktiv gestoppt zu haben, doch die Aufnahmen, die dies belegen sollen, zeigen das genaue Gegenteil. Seither zirkulieren zahlreiche KI-generierte Meldungen, die das massenhafte Zerstechen von Schlauchbooten durch „Patrioten“ auf See zeigen und suggerieren, an der französischen Küste finde eine Art Krieg oder Aufstand gegen Migrant:innen statt.
All dies sind leicht erkennbare Fakes. Und um nur einen einzigen Faktencheck durchzuführen: Kein einziges Schlauchboot ist jemals durch rechte Aktivisten gestoppt worden. Es gelang ihnen lediglich, in den Dünen deponiertes Bootsmaterial zu beschädigen und, hüfttief im Wasser stehend, Geflüchtete beim riskanten Besteigen ihres Bootes wüst zu beschimpfen.
Berichtenswert ist all dies dennoch, denn es dokumentiert sowohl die Verschiebung des politischen Klimas hin zu einer neuen Spielart des Faschismus als auch die Etablierung von Narrativen, die inhumane Politik legitimiert, zugleich aber leicht in offene Gewalt umschlagen können. Wer glaubt, eine sein Land bedrohende Invasion abwehren zu müssen, wird vielleicht auch bereit sein, zu den Waffen zu greifen. So lächerlich der rechte Medienaktivismus objektiv ist – genau dies macht ihn gefährlich.
Dr. Thomas Müller
Die „Chaos-Kids“ in Calais – Zwischen Baustelle und Begegnung
Das diesjährige Bauprojekt fand in der Woche vor Ostern in Calais statt – einem Ort, an dem viele geflüchtete Menschen, zu unserer Zeit hauptsächlich junge Männer aus dem Sudan und Eritrea, auf der Suche nach einer Zukunft in England „stranden“ und auf eine Überfahrt über den Ärmelkanal hoffen.
Die Caritas – vorher
Die Tage dort waren intensiv und echt, die Begegnungen mit den Menschen vor rt so direkt und unmittelbar, auf eine vielseitige Weise, wie man sie eben nur in existentiellen Situationen erleben kann: Freude, Überforderung, Nähe, echte Begegnungen, Gespräche, Geschichten, Ängste, Hoffnung.…
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Arbeit auf dem Gelände einer Caritas-Tageseinrichtung, wo den Geflüchteten Geborgenheit, medizinische und rechtliche Beratung, Menschlichkeit und Hilfe angeboten wird. Dort entstanden in 5 gemeinsamen Bautagen verschiedene Spielbereiche: Sitzgruppen aus Holz, Kletter- und Balanciermöglichkeiten, eine Netzschaukel, ein Weidenzaun, bemalte Bodenflächen mit Hüpfspielen sowie eine große, kreative Murmelbahn. Im Männerbereich entstand eine robuste Fitness-Station, die direkt nach der Fertigstellung intensiv genutzt wurde. Ziel war es, den Außenbereich freundlicher, einladender und anregender zu gestalten, um den Menschen und vor allem den Kindern ein paar Augenblicke des unbeschwerten Spiels und der Entspannung zu ermöglichen.
Das Bauen wurde dabei schnell mehr als nur eine Aufgabe. Für die Jugendlichen aus Deutschland war es eine wichtige Erfahrung, selbst etwas zu schaffen, das bleibt. Sie haben geplant, ausprobiert, Fehler gemacht und Lösungen gefunden. Viele konnten zum ersten Mal spüren, dass sie mit ihren eigenen Händen etwas bewirken können. Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit, gepaart mit den intensiven Erlebnissen und Begegnungen, war für viele besonders eindrucksvoll. Es stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und zeigt, dass gemeinsames Gestalten des Umfeldes / der Welt so friedensstiftend sein kann.
Ebenso standen die Begegnungen mit den Menschen vor Ort im Mittelpunkt. Es kam zu intensiven Gesprächen, bei denen die Geflüchteten ihre erschütternden Fluchtgeschichten erzählten, es wurde aber auch gemeinsam gespielt, getanzt, gelacht und sich gegenseitig wahrgenommen.
Begegnungen
Es wurde deutlich, was für unterschiedliche Lebensrealitäten auf diesem einen Planeten existieren – und wie schnell man trotzdem in Kontakt kommen kann, wenn man Interesse füreinander hat. Gerade durch das gemeinsame Tun entstand eine Verbindung, die über Sprache hinausging. Das Bauen wurde so zu einer Brücke zwischen den Menschen.
Neben den positiven Erfahrungen gab es auch herausfordernde Situationen. Momente, in denen unklar war, wie man helfen kann. Situationen, die traurig oder schwer auszuhalten waren. Auch das gehört zu einem solchen Projekt dazu. Die Jugendlichen mussten lernen, damit umzugehen, Fragen auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Am Ende des Projekts stand nicht nur das, was sichtbar gebaut wurde. Es blieb vor allem das, was innerlich gewachsen ist: mehr Offenheit, mehr Verständnis für andere Lebenssituationen und die Erkenntnis, dass jede und jeder etwas zu einer besseren Welt und zum Frieden beitragen kann.
Mirjam Lampe von den Chaos-Kids
Und wieder eine neue Satzung
Leider war uns beim Formulieren der neuen Satzung, die wir in der Mitgliederversammlung im März beschlossen haben, ein kleines Fehlerchen unterlaufen.
In § 9 heißt es dort: „Es liegt im Ermessen der für die Einberufung zuständigen Organe, zu Versammlungen und Sitzungen in Textform, insbesondere per Briefpost oder eMail, einzuladen.“
Das kann man so verstehen, dass man in Textform einladen kann – oder auch nicht. Das hat das Aachener Registergericht nicht akzeptiert. Gemeint war, dass wir uns die Art der Textform aussuchen können.
Wir haben es umformuliert und nachgefragt, ob es akzeptiert würde. Die neue Formulierung lautet: „Einladungen zu Versammlungen und Sitzungen sind schriftlich zu versenden. Es liegt im Ermessen der für die Einberufung zuständigen Organe, die Art der Textform, insbesondere Briefpost oder eMail, auszuwählen.“
Antwort des Gerichts: „Es wird mitgeteilt, dass Ihr Vorschlag in Ordnung ist.“
Die am 21. März beschlossene Satzung wurde um diese Änderung ergänzt und in einer kurzen außerordentlichen Mitgliederversammlung am 13. Mai in offener Abstimmung einstimmig beschlossen.
Die vollständige Satzung steht ebenso wie der geänderte Antrag auf Mitgliedschaft zusammen mit der neuen Beitragsordnung auf unserer Webseite.
Helmut Hardy
HEJ in Bonn
In all den (4) Jahren, die unsere Kreativwerkstatt HEJ in bosnischen Busovača existiert, haben wir vom Aachener Netzwerk, um unserem Namen gerecht zu werden, ausgiebig genetzwerkt!
Schon beim Aufbau der Werkstatt haben wir natürlich mit lokalen Schulen, deren Schülern die Mitglieder der Werkstatt sind, und mit der Gemeine Busovača Kontakt aufgenommen und gepflegt. Da das Aachener Netzwerk schon zuvor eine wertvolle Kooperation mit der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Bonn hatte, ergab sich als ein natürlicher Schritt, die bosnische Schüler aus Busovača und die deutschen Schüler aus Bonn zu verbinden. Mittlerweile ist daraus eine offizielle Schulpartnerschaft entstanden.
Die Schüler*innen und Lehrer*innen der Bertolt-Brecht-Gesamtschule besuchten schon drei Mal die zwei Partnerschulen in Busovača (Osnovna skola Kacuni und Srednja mjesovita skola Busovaca) und unsere Kreativwerkstatt HEJ.
Dieses Jahr kamen dann die Schüler*innen aus Busovača zum ersten Mal nach Bonn. Und auch hier hat das Aachener Netzwerk eine finanzielle Unterstützung geleistet. Die Woche war mit verschiedensten Aktivitäten gespickt.
Sowohl Schüler*innen als auch Lehrer*innen haben wertvolle Einblicke in das deutsche Schulwesen im Allgemeinen und unseren Unterricht im besonderen bekommen. Ganz besonders war die ganztägige Gesamtschule mit diversen Förderprogrammen.
Es folgte eine ausführliche Stadtführung durch das schöne Bonn und seine aufregende Geschichte von den Römern bis heute.
Natürlich bewunderte man den Drachenfels mit seinem wunderschönen Blick auf den Rhein.
Köln mit dem Dom, dessen Türme alle bosnischen Schüler und Lehrer*innen mit Begeisterung erklommen haben, waren auch Pflicht. Drachenfels und Dom gehören beide zum UNESCO-Weltkulturerbe, ebenso wie das bosnische Mostar – welches die Bertolt-Brecht-Gesamtschule als UNESCO-Schule wiederum bei ihrer Bosnienfahrt immer in Programm hat.
Am vorletzten Tag ihres Aufenthalts in Bonn bekochten sich die Schüler und Lehrer aus Busovača und Bonn gegenseitig. Beim Verzehr machten bosnische Spezialitäten wie Burek und Hormasice die Bekanntschaft mit deutschen Klößen und Reibekuchen🙂.
Auch bei dem in der Besuchswoche stattfindenden Abo-Streich in der Schulaula waren die Gäste aus Bosnien mit sichtbarer Begeisterung dabei.
Am letzten Tag haben wir auch das deutsch-bosnische Kulturzentrum Hajr in Bonn besucht, wo die Schüler erfahren konnten, wie bosnisch-stämmige Menschen in Bonn leben, arbeiten und wie sie die eigene Tradition und Kultur pflegen.
Insgesamt sammelten die Schüler in dieser Woche viele wertvolle Erfahrungen und schlossen zahlreiche Freundschaften.
Als „Krönung“ werden wir dieses Jahr im Juli sogar eine gemischte deutsch-bosnische Schüler*innen-Delegation zum 3. World-Child-Forum (WCF) nach Davos entsenden. Einige Schüler*innen von HEJ haben mit Unterstützung des Aachener Netzwerks schon 2024 am 2. WCF teilgenommen.
Die Kinder und Jugendlichen aus allen Kontinenten tagten in den gleichen Räumlichkeiten, in denen auch die Mächtigen der Welt jedes Jahr weitreichende Entscheidungen über unsere Erde treffen – und so letztendlich das Leben und die Zukunft der Kinder und Jugendlichen beeinflussen. Die Teilnehmer des Forums 2024 kamen mit unglaublich wertvollen Erfahrungen zurück – und so wird es bestimmt auch dieses Jahr wieder sein.
Mujo Koluh
4 Jahre HEJ
Unsere Sport- und Kreativwerkstatt HEJ feierte Ende April ihren 4. Geburtstag. Und natürlich gab es wieder die obligatorischen HEJ-Torten:
Das 2022 gestartete Projekt des Aachener Netzwerks wächst und reift langsam vom Baby- zum Schulkindalter und damit auch dessen wichtigster Bestandteil: die Kinder!
Für manche von ihnen war HEJ die erste Kindereinrichtung, die sie regelmäßig besucht haben – eine Art Ersatzkindergarten und Vorschule in einem. Andere sind in diesen 4 Jahren eingeschult worden, haben auf die weiterführende Schule gewechselt oder sogar eine Ausbildung bzw. ein Studium angefangen.
Auf das alles und auf die inzwischen Tausende Stunden verschiedenster Angebote in unseren Räumen sind wir im Aachener Netzwerk mit gutem Grund sehr stolz.
Die Gemeinschaft geht mittlerweile über die zahlreichen Sport- und Kreativangebote hinaus. Besonders wichtig ist uns die Partnerschaft mit der BBG Bonn und die wechselseitigen Besuche – in Busovača und in Bonn.
Mittlerweile ist der Besuch bei World Child Forum in Davos schon fast 2 Jahre her und wir hoffen, dieses Jahr wieder dabei sein zu können.
Unsere Dankbarkeit ist besonders an alle gerichtet, die dieses Projekt in irgendeiner Weise unterstützt haben und weiterhin unterstützen.
Ein großes DANKE auch in Namen aller Kinder und Jugendlichen, die davon sehr profitiert haben.
Mujo Koluh