Rundbrief 33 – April 2022

Inhalt:

Deserteure

So hieß eine Ausstellung, die im November 1989 in Aachen stattfand. 33 Jahre später macht das Aachener Netzwerk in Aachen eine Kunstauktion – und mit dabei ist das „Titelbild“ von damals: Desertion von Lioba Feld. Und ein paar der damaligen Künstler*innen sind auch wieder an Bord: Bernd Radtke, Holger Vanicek und Jupp Linssen. Und auch das Thema ist leider wieder aktuell. Wahrscheinlich gestehen „wir Friedensbewegten“ jedem Soldaten, egal auf welcher Seite, ein Recht auf Desertion zu.
Aber wie sieht es mit Waffenlieferungen aus? Gar keine, nur Defensivwaffen oder auch Offensivwaffen? Wir werden hier sicher keine gemeinsame Antwort finden – und das müssen wir auch nicht. Glücklicherweise.

Aber einig sind wir uns sicher, dass man das Leid, welches durch den Überfall auf die Ukraine entstanden ist, lindern muss. Da sind wir mittendrin. Wir unterstützen ein Haus für geflüchtete Mütter mit Kindern in Grünheide – darüber könnt ihr schon lesen. Wir haben Material für 1000 First-Aid-Kits besorgt, die gerade portioniert und nächste Woche in die Ukraine transportiert werden. Darüber könnt ihr zeitnah auf unserer Web- und unserer Facebook-Seite lesen – oder ausführlicher im nächsten Rundbrief.

Dort werden wir auch über unsere Kunstauktion berichten. Am Samstag, den 16. April um 15 Uhr eröffnen wir unsere Ausstellung, am Sonntag, den 24. April um 15 Uhr beginnt die Versteigerung. Die Ausstellung steht schon – und sie ist beeindruckend. Das Ergebnis von sechs Monaten Arbeit. Wir sind schon gespannt, vielleicht sogar nervös.

Der neue Vorstand

Lioba Feld - Desertion
Lioba Feld – Desertion

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Mitgliederversammlung 2022

Am 12. März fand unsere ordentliche Mit­gliederversammlung statt. 17 von 94 Mitglie­dern trafen sich online. Die Tagesordnungs­punkte waren die üblichen: Rechenschafts­bericht des Vorstands, seine Entlastung und Neuwahl.

Weil wir kein „Vorstandsverein“ sind, hat der Vorstand auch nicht „seine“ Arbeit dargestellt, sondern die Arbeit des Vereins. Und die kann sich durchaus sehen lassen. Was man wörtlich nehmen kann, denn via Rundbrief, Homepage, Facebook, Insta und Twitter wird auf die Öffentlichkeitsarbeit viel Wert gelegt. So war aber auch jede und jeder gut informiert, so dass hier keine großen Worte gemacht werden mussten.

Auch die Kasse hatte sowohl einen guten Stand als auch eine gute Führung, so dass der Vorstand entlastet wurde.

Zur Wiederwahl stellten sich der 1. Vorsitzende Helmut Hardy und die 2. Vorsitzende Giana Haass.

Björn Niehenke

Björn Niehenke, der Kassenführer, trat aus persönlichen Gründen nicht an. Die Kassen­prüfer betonten, dass die Kassenführung stets einwandfrei war und dankten ihm für seine Arbeit.

Dirk Tentler

Statt dessen stellte sich mit Dirk Tentler ein ausge­bildeter Bankkauf­mann (und diplomierter Maschinen­bauer) zur Wahl. Er ist verheiratet und wohnt seit seinem Studium in Aachen.

Mit Esada Huber und Mujo Koluh wurde der Vorstand auf die Höchst­größe von 5 Personen ergänzt.

Esada Huber ist Fach­kranken­schwester für Intensiv­pflege und Anäs­thesie, absolvierte an der Uni Tübingen ein Grund­studium in Erziehungs­wissenschaft und den Masterstudiengang in Forschung und Entwick­lung in der Sozial­päda­gogik/Sozialen Arbeit. Sie wohnt in der Nähe von Tübingen.

Mujo Koluh ist ein Urgestein des Aachener Netzwerks Er wurde 1973 in Busovaca in Zentral-Bosnien geboren, ist verheiratet, Vater von drei Kindern, Sportlehrer und wohnt in Bonn.
Alle wurden ohne Gegenstimmen gewählt und nahmen die Wahl an.

Unter dem Tagesordnungspunkt „Sonstiges“ wurde u.a. die Satzung diskutiert, die den Vorstand als rein männlich beschreibt. Ein Thema, das man bei Gelegenheit sicher angehen sollte.
Nachdem die Protokollantin Simone Aicher und der Vorstand das Protokoll unterschrieben haben, wird der Notar es beim Gericht einreichen, so dass die Änderungen dann auch amtlich sind.

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Kunsta(u)ktion

Langsam wird es spannend…
Die Bilder hängen, die Getränke sind gekauft, die Listen sind vorbereitet. Es kann los gehen.
Sonntag, der 24. April, ist der große Tag, auf den wir schon lange hin arbeiten.

Ab 15 Uhr wird dann Benjamin Fleig von der Galerie vorn und oben im Ausstellungsraum im Depot Talstraße 2 das erste Kunstwerk aufrufen.
(Der ursprünglich geplante Veranstaltungsort war die Piazza eine Etage tiefer – doch dort ist nun das „Engagement Center“ der Stadt Aachen – ein Treffpunkt für ukrainische Flüchtlinge und ihre Helfer*innen.)

Unterstützt werden wir (leider urlaubsbedingt nur virtuell) durch die Aachener Ober­bürger­meisterin Sibylle Keupen, die die Schirm­herr­schaft übernommen hat. Ganz real dabei ist die WDR-Moderatorin Angela Maas, die durch die Veranstaltung leiten wird.

Edward Zoworka

Um 12 Uhr öffnen wir die Türe, damit man sich die 63 Kunstwerke „in echt“ ansehen kann. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir ein paar echte Schätze dabei haben.


Doch auch vor dem Auktionstag kann man die Bilder schon in aller Ruhe bestaunen. Einerseits im Internet, aber auch im Ausstellungsraum des Depots vom 16. bis 23. April, jeweils ab 15 Uhr und bis 21 Uhr.

Einige Künstlerinnen und Künstler sind dann auch vor Ort – wer und wann findet man auf unserer Webseite unter „Meet the artists“.

Helmut Hardy

Antonio Nuñez - Ciudad eterna
Antonio Nuñez – Ciudad eterna

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Bina Mira 2020

Vom 3. bis 10. April fand im slovenischen Podcerkev das Bina Mira Theaterfestival 2020 statt. 2020? Ja, die 12. Ausgabe wurde Corona-bedingt mehrfach vertagt, äh, verjahrt. Der Gründer Heinz Jussen beschrieb zu Beginn die Entstehungsgeschichte von und die Motivation für Bina Mira:
Darstellende Kunstformen sollen bei der Begegnung von Jugendtheatergruppen aus ganz Europa zum Verständnis zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Reli­gionen und Kulturen beitragen und so zu einem friedlichen Zusammenleben führen – ein Gedanke, der aus der Erfahrung im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde und der, leider, nach wie vor sehr aktuell ist.

Acht Gruppen hatten sich trotz des Pandemie­treibens in Slovenien eingefunden. Podcerkev ist eine grüne Oase des Friedens, nur eine Autostunde von Ljubljana entfernt. Gruppen aus Bosnien und Herzegowina (Tuzla und Banja Luka), Deutschland (Aachener Netzwerk und Alsdorf), Kroatien (Zagreb), Rumänien (Reghin), Serbien (Zrenjanin und der Newcomer SID) wurden von den Gastgebern aus Slovenien (Postojna) empfangen.

Bina Mira wurde auch 2022 zu einem großen Erfolg für alle Jugendlichen, die in den Workshops Film/Video, Pantomimentheater, Body Percussion, Musik und Masken-Theater sehr aktiv und kreativ tätig wurden. Neben vielen außergewöhnlichen Theaterstücken war der einstündige Gang durch die Krizna Jama Grotte einer der Höhepunkte.

Ein besonderes Lob gilt dem italienischen Koch, denn seine liebevoll vorbereiteten Mahlzeiten sorgten für eine gute Stimmung.

So gut, dass direkt Bina Mira 2022 geplant wurde.

Das nächste Bina Mira Friedenstheater wird vom 17. bis 24. September in Višegrad (BiH) statt­finden, organisiert von der Gruppe in Banja Luka.

Auf Wiedersehen im September! Das wünschen sich alle Teilnehmer.

Elfriede Belleflamme

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Die Renata gGmbH in Grünheide

Die Renata gGmbH haben wir über unser Mitglied Kristina Koch kennen gelernt, die ganz begeistert von Renata Kunz erzählt, die unterstützt durch Nele Müller in Grünheide bei Berlin ein tolles Projekt aus dem Boden gestampft hat. Mehr erfahren wir von Nele Müller:

Grünheide – kennen wir doch? Ja, von Tesla. Aber nicht nur Tesla ist dort aktiv, sondern auch die gemeinnützige Renata gGmbH aus Berlin. Sie möchte Müttern und Kindern auf der Flucht helfen und hat deshalb Anfang März in Grünheide ein ehemaliges Wirtshaus ange­mietet. Mit der Unterstützung vieler freiwilliger Helfer wurde es innerhalb von 3 Wochen zu einer Unterkunft für ca. 30 geflüchtete Mütter und Kinder aus der Ukraine umgebaut.

Ende März kamen schon die ersten Bewohner­innen. Die Mütter können in der neu ein­ge­rich­teten Küche warme Mahlzeiten zubereiten, während die Kinder in einem kleinen Garten spielen. Der große Festsaal wurde zu einem gemütlichen Schlaf- und Spielbereich umfunk­tioniert und hat einen gemütlichen Bereich zum Verweilen. Im Speisesaal können alle zusammen essen.

Es ist uns wichtig, dass die Mütter und Kinder einen sicheren Ort zum Ankommen haben, um sich von den Strapazen der Flucht zu erholen. Die Einrichtung dient der Erstaufnahme und soll den Menschen eine Grundstruktur geben und als erste Station für ihren weiteren Weg dienen. Renata möchte sie gerne dabei unterstützen und braucht dafür aber Unterstützung.

Unter anderem fehlt es an
• Babynahrung
• Windeln
• Medikamente für die Frauen
• Hygieneartikel für Frauen
• Waschmaschine und Trockner

Nele Müller, Renata gGmbH

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Nicht lange fackeln

Die Situation in der Ukraine ist im Februar schnell eskaliert – bis hin zum Krieg. Und plötzlich sind Tausende, Zehntausende, gar Hunderttausende auf der Flucht. Vorwiegend Frauen, ganz oft mit Kindern. Mitte März hörten wir von dem Projekt in Grünheide, nahmen schnell Kontakt zu Renata Kunz und Nele Müller auf, die uns dann eine Liste mit Sachen schickten, die sie dringend benötigen.
Parallel erreichte uns eine größere Spende des Rotary Club Wuppertal-Haspel, so dass ein paar unbezahlte Rechnungen beglichen und ein Teil der Sachen vor Ort eingekauft werden konnten.

Für Waschmaschinen und Trockner baten wir den Rotary Club Aachen Charlemagne um Unterstützung. Zusammen mit weiteren Spenden konnten wir so ein günstiges Angebot von expert Schultes in Solingen wahrnehmen und noch im März zwei Waschmaschinen und zwei Wärmepumpentrockner einer bekannten Firma aus Gütersloh auf die Reise schicken!

Wir möchten das Ukraine-Projekt auch weiterhin unterstützen und bitten deshalb um Unterstützung. Auch einen Teil des Erlöses unserer Kunsta(u)ktion werden wir für die ukrainischen Frauen und Kinder verwenden.

Ein dickes Danke an die Rotarier, an alle anderen Spenden*innen und die zahlreichen Käufer*innen unserer Kunsta(u)ktion, ohne die diese Aktion nicht möglich gewesen wäre!

Helmut Hardy

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HEJ – weiter geht’s!

Die Osterferien sind die richtige Zeit für einen Lehrer, um in den Endspurt zu gehen. Entsprechend wird HEJ am letzten Samstag der Ferien (23.4.) feierlich eröffnet. Doch bis dahin gibt es noch einiges zu tun.

Weniger Bauarbeiten – die sind bis auf das Laminat abgeschlossen. Die Möbel sind schnell aufgestellt. Die Sportausrüstung ist mit dem Transport zu MFS Emmaus angekommen und muss dann nur noch reingebracht werden.

Nur das Laminat fehlt noch

Parallel dazu wurden den Schulleitern der beiden Schulen vor Ort, den Lehrerinnen und Lehrern und dem Bürgermeister das Projekt vorgestellt. Die Schulleiter zeigten sich sehr zugänglich für neue Projekte und auch einige Lehrerinnen und Lehrer zeigten sich sehr engagiert. Eine sehr ideenreiche Lehrerin wurde für die Kreativwerkstatt engagiert.

So sah es im Februar noch aus

Zur Eröffnung werden ungefähr 50 Schüler­innen und Schüler anwesend sein, die Lehrer­innen und Lehrer sind eingeladen und wir werden vor der Schule einen Baum pflanzen.

So sieht es im April aus

Einen ausführlichen Bericht gibt es dann im nächsten Rundbrief.

Mujo Koluh

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HEJ-Patenschaften

Ohne Geld geht es nicht. Wir rechnen mit ungefähr 1.000 € Kosten pro Monat – das ist nicht wenig für unseren Verein. Deshalb möchten wir diese Kosten auf viele Schultern verteilen. 200 Kinder und Jugendliche werden wir fördern können. 5 € pro Monat pro Kind – das klingt machbar. Deshalb suchen wir 200 Personen, die eine oder mehrere Paten­schaften übernehmen. Über 50 Pat*innen haben wir schon gefunden.

Interesse? Hier ist das Formular für eine HEJ-Patenschaft!

Der Ausbau der Räume war unerwartet teuer, weil auch in Bosnien die Preise für Baumaterial angestiegen sind. Ein paar Spenden würden uns hier helfen:
Empfänger: Aachener Netzwerk
IBAN DE21 3905 0000 0000 3170 08
bei der Sparkasse Aachen
Verwendungszweck „Projekt HEJ“

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Transport zu MFS Emmaus

MFS Emmaus ist eine der größten Hilfsorganisationen in Bosnien-Herzegowina. Sie kümmert sich um alle Hilfsbedürftigen: Alte, Schwache, Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, aber auch um Menschen auf der Flucht. Seit Mai 2021 ist MFS Emmaus offizieller Partner des Aachener Netzwerks.

In einem sogenannten „Reception center“ (zu Deutsch vielleicht „Aufnahmezentrum“) in Doboj Istok, 50 km nordwestlich von Tuzla, leben ca. 440 Menschen mit unterschiedlichen Formen von Schwächen und Behinderungen, vergessen vom Großteil der Gesellschaft. Manche werden ihr Bett für den Rest des Lebens nicht mehr verlassen, wenige können wieder in die Gesell­schaft eingegliedert werden oder gehen zumindest zurück in ihre Familien. Über 150 Angestellte kümmern sich rund um die Uhr um diese Menschen, die aus ganz Bosnien kommen.

Manuelles Beladen…

Dieses „Reception center“ war Ziel unseres ersten Hilfstransports zu MFS Emmaus. 30 Paletten mit Kleidung, Handtüchern, Bett­wäsche, 7 BigBags mit Steppdecken und Inkontinenzprodukten wurden am Dienstag, den 5. April an der Wuppertaler Spendenhalle Cronenberg auf einen LKW geladen. Leider stand der Gabelstapler in der Mittagszeit nicht zur Verfügung, so dass sich Bart, Helmut und Ralf mit Muskelkraft daran machten, die Paletten in den LKW zu heben. Nach drei Stunden war der LKW voll und die Planen wurden wieder festgezurrt. Am frühen Nachmittag machte sich der 40-Tonner auf die Reise nach Südosten. Am späten Abend des Folgetages hatte er die Außengrenze der Europäischen Union erreicht und wurde am Donnerstag in Doboj Istok entladen.

Die Steppdecken, Bettwäsche, Handtücher, die Inkontinenzprodukte sowie ein Teil der Kleidung werden im „Reception center“ schon dringend erwartet.

Menschen auf der Flucht, hier in Tuzla

Der größere Teil der Kleidung und besonders die Schuhe werden an Geflüchtete in Velika Kladuša und Tuzla ausgegeben – teilweise in Räumen von MFS Emmaus, teilweise in Orten, wo Menschen auf der Flucht höchst provisorisch und menschenunwürdig leben (müssen).

Dženeta Sadiković und Helmut Hardy

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Nachtrag, 2 Tage später:

Dženeta trifft an der Busstation von Tuzla 26 neu angekommene, frierende Pakistaner und Inder, die sie mit Decken und Hygienematerial aus unserem Transport versorgen konnte, die sie für solche Notfälle immer im Auto hat. Warme Getränke und Nahrungsmittel hatte sie leider nicht dabei.

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Die Spendenhalle in Cronenberg

Nach langen Zeiten der Unsicherheit und des Leerlaufs, die nach der Auflösung des Bündnisses für Flüchtlingshilfe „Willkommen in Cronenberg“ entstanden war, kam in den letzten Monaten und Wochen wieder richtig viel in Bewegung.

Ziel war ja eigentlich, die Stadt Wuppertal als Besitzer des Gebäudes in der Hastener Str. 4 zu einem Nutzungsvertrag für das Aachener Netzwerk zu gewinnen. Immerhin haben wir nach einem Schreiben an den OB der Stadt Wuppertal erreicht, dass unser Anliegen an einen nun in der Verwaltung zuständigen Projektleiter weitergereicht wurde, der uns schriftlich die vorübergehende Nutzung des Gebäudes gestattet hat, so dass wir zumindest bis auf weiteres dort arbeiten können. Allerdings sieht es nicht so aus, als würden wir unserem eigentlichen Ziel schnell näher kommen, da die Stadtverwaltung zur Zeit mit anderen Problemen beschäftigt ist.

Bart Wolters, der nach wie vor das Lager organisiert, macht wie immer das Beste daraus: Wir können derzeit ungestört arbeiten und keiner kümmert sich darum, macht uns aber auch keine Schwierigkeiten.

Neben den Sachspenden für Geflüchtete auf der Balkanroute und bei Calais wurden auch Spenden für Wuppertaler Flutopfer und Geflüchtete aus der Ukraine gesammelt.

Nachdem nach Auflösung von „Willkommen in Cronenberg“ viele Ehrenamtliche weggegangen sind, kommen deshalb nun stetig neue Helferinnen und Helfer hinzu. Außerdem konnte Bart Sponsoren und Spender unter orts­ansässigen Firmen finden, mit denen wir auch langfristig zusammen arbeiten möchten.

Zusammen mit dem Rotary Club Wuppertal-Haspel konnten wir die Ukraine-Aktivitäten des Aachener Netzwerks unterstützen.

Auch kleinere örtliche Organisationen (z.B. Tierschutzverein, Jugendzentren, Altenheime) wenden sich an uns, wenn sie etwas benötigen. So werden wir nach und nach immer besser vernetzt.

Wir sind zuversichtlich, dass die Cronenberger Spendenhalle damit immer mehr öffentlich wahrgenommen wird, so dass die Stadt Wuppertal uns letztendlich eine längerfristige Nutzung der Spendenhalle garantieren wird.

Wir möchten als Teil des Aachener Netzwerks auch weiterhin allen Bedürftigen helfen, egal ob in Wuppertal, anderswo in Deutschland oder irgendwo in Europa.

Insgesamt ist viel Bewegung und Engagement da, so dass wir voller Hoffnung sind.

Daniela Guilleaume

Martin Augenstein - Schlafende Bücher
Martin Augenstein – Schlafende Bücher

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Spendentransport nach Bosnien

Zusammen mit dem frachcollective und europecares haben wir wieder einen Transport auf die Reise gebracht. Ein Teil der Ware war für Collective Aid, ein Teil für das frachcollective in Bihać.

Die Frachtliste

Ketki berichtet über den Teil, der für Collective Aid in Sarajevo bestimmt war:

Der Zoll von Bosnien und Herzegowina ist immer wieder herausfordernd – so auch dieses Mal. Nach zwei Tagen Verzögerung durch die Bürokratie erreichte der Transport am Donnerstag, den 10. März unser Lager in Sarajevo. So frustrierend die Zollprozedur auch war, so schnell beruhigten wir uns durch den Empfang, das nachfolgende Sortieren und Verteilen der NFIs (Non Food Items).

Das Lager von Collective Aid

Der Empfang war unerwartet positiv: Unser Lager liegt am Ende von ein paar engen Straßen, wo größere Fahrzeuge kaum durch passen. Vier Freiwillige hatten sich angeboten, die 7 Paletten kistenweise vom LKW zu ihrem Platz im Lager zu bringen. Aber der Fahrer manövrierte den LKW meisterhaft durch die Gassen und parkte direkt vor dem Lager. So war das Entladen ein Kinderspiel und dauerte nur eine halbe statt zwei Stunden. Unerwartet früh konnten wir mit dem Sortieren und Verteilen anfangen.
Jede Woche treffen wir in Sarajevo auf ungefähr 250 Personen, von denen die meisten ihrer Besitztümer durch die kroatische Polizei beraubt wurden, während sie versuchten, die Grenze zu überqueren. Dazu gehören Rucksäcke, Schlafsäcke, Jacken und Schuhe, die deshalb stark nachgefragt werden. Wir vertrauen auf unsere Partnerorganisationen, uns diese Sachen zu schicken, zusammen mit Pullovern, Hosen, Hygieneprodukten u.v.m., damit wir die Bedarfe der Personen auf der Flucht erfüllen können. Die hohe Qualität der gelieferten NFIs ermöglicht uns, diesen Personen eine große Auswahl zu lassen und gleichzeitig ihre Würde zu wahren.

In den letzten Monaten ist es uns durchweg gelungen, die Bedarfe zu erfüllen. Das wäre nicht möglich ohne die gemeinsame Unterstützung des Aachener Netzwerks, Europe Cares, Volt Dresden, Food not Bombs Padova und Hermine, die alle einen großen Aufwand an Zeit und Geld in diesen Transport investiert haben. Die 7 Paletten NFIs haben einen weiten Weg zurück gelegt, bis sie schließlich die Personen erreichten, die der Unterstützung bedürfen.

Ketki (Collective Aid)

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Finn vom frachcollective berichtet weiter:

Am 11.03.2022 erreichte uns in Bihać, Bosnien und Herzegowina ein selbstorganisierter Spendentransport aus Deutschland, welcher vom Aachener Netzwerk mitorganisiert und mitfinanziert wurde. Dafür bedanken wir uns herzlichst.

In diesem Transport wurden vor allem Schlafsäcke, Decken, Winterjacken, Pullover, T-Shirts und Hosen transportiert. Gerade diese Dinge sind hier immer am meisten gefragt, da die Temperaturen nachts noch sehr kalt sind und dicke Kleidung, Schlafsäcke und Decken deshalb unverzichtbar sind.

Die Menschen auf der Flucht, welche sich zur Zeit in Bihać befinden, kommen größtenteils aus Afghanistan, Pakistan, Syrien und Nordafrika. Genau diese erfahren auch häufig immer wieder sogenannte illegale „Pushbacks“. Dies sind illegale Zurückweisung meist durch die kroatische Polizei nach Bosnien; häufig unter Anwendung von körperlicher Gewalt. Da den meisten Menschen bei den Pushbacks Kleidung entzogen wird, ist es essentiell, dass Spendentransporte wie dieser ankommen, um genug Kleidung für Menschen zu haben.

Momentan kommen täglich neue Menschen aus Sarajevo, Lipa und anderen Teilen Bosniens nach Bihać, da die Temperaturen tagsüber wärmer werden und mehr Menschen die Möglichkeit suchen, von hier aus die Flucht nach Europa zu versuchen.

Durch die Eröffnung eines „Free Shops“ in der Nähe von Bihać, welcher durch den bosnischen Verein ComPass 071 betrieben wird, haben Flüchtende sowie aber auch bosnische Menschen die Möglichkeit Kleidung umsonst zu erhalten und sogar vorher anzuprobieren. Aus diesem Grund kooperieren wir viel mit ComPass 071 und geben immer wieder Kleidung, Schlafsäcke und Decken an diese ab, falls sie etwas nicht mehr haben, wovon wir aber noch ausreichend auf Lager haben.

Diese Zusammenarbeit erleichtert uns die Vergabe von Kleidung enorm und wird durch die steigende Zahl an erneut ankommenden Flüchtenden immer wichtiger. So können schon jetzt durch die neu gewonnene Kooperation über 150 Menschen täglich mit Kleidung und/oder Schlafsäcken und Decken versorgt werden.

Das Lager des frachcollective

Umso mehr bedanken wir uns für die bestehende und verlässliche Zusammenarbeit mit dem Aachener Netzwerk und hoffen auch weiterhin auf euch zählen zu können.

Finn (frachcollective)

Antje Seemann - Almsee
Antje Seemann – Almsee

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Hibe Y. Kamilarovska ist „unser“ Mitglied in Thüringen. Sie pflegt viele Kontakte nach Süd­ost-Europa und möchte uns heute zwei Vereine vorstellen, die sie beein­druckt haben:

Most za bolje sutra

Der Verein Most za bolje sutra („Eine Brücke für ein besseres Morgen“) wurde im Jahr 2021 von Zehida Bihorac in Velika Kladusha (Bosnien und Herzegowina) gegründet. Durch ihre langjährige Arbeit mit Menschen mit Fluchterfahrungen hat sie die Erkenntnis erlangt, wie zerbrechlich die Menschenwürde ist, wie Gewalt sie körperlich sowie seelisch verletzt und sie dennoch Stärke und Willen für eine schönere Welt zeigen.

Aufgrund des täglichen Leidens der Menschen mit Fluchterfahrungen sind viele Einheimische in Velika Kladusha traumatisiert und ver­ängstigt. Diese sind alltäglich in Kontakt mit Menschen, welchen durch Pushbacks schwere Wunden und Verletzungen zugefügt worden sind.

Menschen die vor ihnen und ihren Kindern, andauernd leiden, krank werden und Nerven­zusammenbrüche erleben.

Frau Bihorac setzt sich mit ihrem Verein „Most za bolje Sutra“ alltäglich dafür ein, eine Brücke zwischen den Einhei­mischen und den zuge­wanderten Menschen mit Fluchterfahrungen zu er­stellen, diese zu ver­binden und zu vereinen. Sie versucht Stigmen zu bekämpfen, Menschen zu sensibilisieren und zu integrieren durch verschiedene Projekte, die zu der inter­kulturellen sowie intra- und interreligiösen Bildung beitragen, die Menschen zueinander zu bringen und diese zu mobilisieren.

Hibe Y. Kamilarovska

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Eurohuman-International

Eurohuman-International ist eine humanitäre, gemeinnützige Organisation, die im Jahr 2016 in Skopje, Mazedonien gegründet wurde. Seitdem wurden zahlreiche Menschen durch verschiedene Projekte unterstützt und vor Armut und Hunger gerettet. Eurohuman-International widmet sich der Entwicklung eines Netzwerks von Individuen, Gemeinden und Institutionen, wobei sie sich für die sozial benachteiligten Personen in den Städten, Gemeinden und Dörfern engagieren, um grundlegende Menschenrechte zu fördern – alle verfassungsmäßigen Leistungen, die einem Menschen zustehen – Versorgung mit Nahrung, Wasser, Hygieneartikel usw., damit die Lebensqualität der Betroffenen verbessert werden kann.

Die Organisation hilft jedem Individuum in Not, sich in der Gesellschaft schrittweise einzubringen und die bestehenden Probleme wie Obdachlosigkeit, Hunger, Arbeitslosigkeit zu bewältigen.

Das ganze Team setzt sich täglich durch vielfältige Maßnahmen dafür ein, Menschen, die sich sozial und finanziell in sehr schlechten Lagen befinden, bei vielen Aspekten im Leben behilflich zu sein. Die Organisation widmet sich der Entwicklung einer Politik der Einheit und Unparteilichkeit. Sie unterstützt Menschen in unterschiedlichen Lebens­situationen und versucht diesen einen besseren Zugang zur Gesellschaft zu verschaffen. Eurohuman-International ist die einzige Organisation, die zur Zeit in Mazedonien eine staatliche Genehmigung besitzt, Menschen mit Flucht­erfahrungen, die sich in Skopje befinden, zu unterstützen und zu fördern.

Durch Maßnahmen zur Rettung von siche­ren Lebensmitteln und deren Umverteilung an sozial benachteiligte und gefährdete Bür­ger tragen die Mitarbeiter dazu bei, in vielen Städten Mazedoniens Men­schen in sehr schweren Notlagen zu helfen. Sie verteilen Nahrungs­mittel, die durch verschiedene Maßnahmen, wie beispiels­weise das Projekt „Ne Frlaj! Doniraj!“ (Nicht wegwerfen! Spenden!) von den Spendern abgeholt und zu den Bedürftigen hingebracht werden.

Eurohuman-International hat es sich zum Ziel gesetzt, Familien und alleinstehenden Per­sonen bessere Lebens­bedingungen zu ver­schaffen und insbesondere Menschen mit Behin­derungen oder älteren sowie gebrech­lichen Menschen, die im Alltag auf sehr viel Hilfe angewiesen sind, vor Hunger und Armut zu beschützen.

Hibe Y. Kamilarovska

Karl-Heinz Jeiter - Mikrofaser
Karl-Heinz Jeiter – Mikrofaser

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Vogelfrei auf der Balkanroute
Menschen, die niemand haben will

Dirk Planert hat SOS Bihać mit gegründet. Zu Beginn der Corona-Zeit ist er nach Deutsch­land zurück­ gekehrt und war nun zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vor Ort. Hier sein Bericht:

Bihać/Bosnien. Rechts und links der Straße sausen kleine Häuser vorbei. Einige tragen 30 Jahre nach Kriegsbeginn noch seine Narben. Wir fahren vom Hauptquartier der Hilfs­organisation SOS-Bihac in Richtung Gebirge, dort wo die EU-Außengrenze verläuft. Plötzlich klingelt das SOS-Telefon, das immer das Teammitglied bei sich trägt, das gerade im Dienst ist. Heute ist das Hana Kovacevic. 22 Jahre jung und in Festanstellung bei der lokalen NGO. Vorher hatte sie es schwer eine Arbeit zu finden, wegen einer Spastik in der linken Hand. Nach zwei Jahren humanitärer Arbeit mit SOS Bihac ist aus dem zurückhaltenden und schüchternen Mädchen eine selbstbewusste junge Frau geworden, die nun fließend Englisch spricht. Das komme durch die Arbeit, sagt sie. „Die Polizei ist dran. Die haben in Lohovo Migranten gesehen“. Wir drehen um und fahren in Richtung des Vorortes. Als ich zuletzt vor zwei Jahren hier war, wäre ein solcher Anruf undenkbar gewesen. Es war eine Straftat, wenn ein Ausländer in Bosnien Flüchtlingen half. Damit haben die Behörden versucht, humani­täre Hilfe zu unterbinden. So ganz traue ich der Sache deshalb nicht. Lohovo ist ein südlicher Vorort von Bihac. Hier verläuft eine der Routen für „the Game“, das Spiel, der Versuch in die europäische Union zu gelangen. Schon nach wenigen Minuten tauchen drei Gestalten in der Ferne auf. Es sind zwei Männer und eine Frau. Schon beim Näherkommen sieht man am Gang, dass die Frau sehr geschwächt ist. Die Drei waren bereits bis nach Slowenien gekommen. Dort wurden sie von der Polizei aufgegriffen und an der Grenze an die kroa­tische Polizei übergeben. Die hat sie dann ebenfalls an die Landesgrenze gefahren und in den Wäldern bei Lohovo nach Bosnien zurück geschickt. Pushback nennt man das und das ist illegal. Zuvor wurden die Drei ausgeraubt. Sie mussten Geld und Smartphone abgeben. Ebenso einen großen Rucksack. Auch das ist eine Straftat. Genauer: bewaffneter Raubüber­fall. Die Täter agieren ohne Zeugen und meist im Wald. Es sind Polizeibeamte im Dienste der Europäischen Union.

Die Frau gibt an, seit drei Monaten durchgehend Unterleibsblutungen zu haben. Ihr Kreislauf ist zwar stabil, sie ist aber sehr schwach und legt sich auf ein Stück Gras neben der Straße, während ich sie, soweit möglich, untersuche. Hinter uns hält ein Streifenwagen. Die bosnischen Polizeibeamten fragen nur freundlich ob alles ok ist und fahren weiter. Das letzte Mal wäre ich jetzt vermutlich wieder festgenommen und mehrere Stunden verhört worden. Zlatan Kovacevic, Vorsitzender und treibende Kraft bei SOS Bihac, hat ein begnadetes Händchen für Diplomatie, die bosnische Seele und die Besonderheiten der humanitären Arbeit in seiner Heimat. Mittler­weile ruft die Polizei sogar an, wenn sie Flüchtlinge sehen. Das bringt viele Augen mehr die sehen, wenn Menschen Hilfe brauchen und darauf reagieren. Die drei Flüchtlinge aus Kamerun wollen zurück in das Flüchtlingslager Miral im 60 Kilometer entfernten Velika Kladusa. Hana und ich entschließen uns, die Drei mit dem Taxi fahren zu lassen. Zlatan ist für ein paar Tage mit einem Hilfstransport und Team in der Ukraine. Einen Bus würde es erst morgen geben. Die Frau braucht dringend einen Arzt. Den gibt es im Camp Miral. Auch ein Taxi wäre vor zwei Jahren nicht möglich gewesen, nicht für Flüchtlinge. Mittlerweile geht das, die Lage hat sich entspannt. Durch das Taxi umgehen wir mögliche Probleme mit der Polizei in Kladusa auf dem Weg dorthin. Ich fahre mit deutschem Kennzeichen. Flüchtlinge transportieren kann hier leicht als Schlepperei ausgelegt werden. Der Taxifahrer verlangt auch gleich das Doppelte für die Fahrt. Ich sage ihm, das sei ein unverschämter Preis. Er zuckt nur mit den Schultern. Es sind Flüchtlinge. Mit ihnen macht jeder, was er will. Die Chance auf Rechte gibt es nicht. Nicht bevor sie italie­nischen Boden betreten haben. Die Frau aus Kamerun lebt seit vier Jahren vogelfrei. Damals ist sie zu Hause gestartet und hat vier Kinder bei ihrer Mutter zurückgelassen. „In Kamerun ist Krieg“, sagt ihr Mann. „Wenn wir es nach Europa geschafft haben, wollen wir die Kinder holen.“ Sobald die Frau wieder bei Kräften ist, wollen sie es wieder versuchen: „the Game“.

Während der Patrouillenfahrten halten wir Ausschau nach Menschen, die gerade starten oder nach Pushbacks geschunden zurück kehren. Manche von ihnen tragen Narben des Games, manche von ihnen tragen ältere. Sie entstanden im Irak, Afghanistan oder Syrien. Unterwegs werden auch die Spots angefahren, in denen Flüchtlinge Unterschlupf gefunden haben. Das sind Zelte am oder im Wald, Ruinen, Ställe oder vergammelte winzige Wochenendhäuser am Stadtrand. In der City sind kaum noch Flüchtlinge zu sehen.

Tausende waren es mehrere Jahre lang, jetzt sind es noch hunderte. Die große humanitäre Katastrophe ist es zur Zeit nicht mehr. Für jeden einzelnen Menschen auf der Balkanroute bleibt dieses Elend jedoch eine Katastrophe. Daran hat sich nichts geändert. Wie auch? Dafür müsste die EU ihre Flüchtlingspolitik ändern. Dazu ist Brüssel nicht bereit. Die Europäische Union akzeptiert weiterhin tägliche Verstöße gegen ihre eigenen Gesetze und die Menschenrechte. Vogelfrei ist ein Begriff, der im 16. Jahrhundert entstanden ist. Damit war neben der Rechtlosigkeit auch gemeint, dass den geäch­teten Personen keine Behausung gewährt wurde. An den EU-Außengrenzen erlebt dieser mittelalterliche Umgang mit Menschen seit Jahren eine neue Blüte.

Kaum sichtbar von der Straße führt ein Weg steil hinauf an den Waldrand. Hier steht ein Betonkasten, der wohl mal ein Stall oder ähnliches war. Einige junge Männer sind wohl gerade wach geworden und beginnen ihren Tag mit Vorbereitungen für ihren Start Richtung EU.

Es sind 12 Tage Fußmarsch bis Italien. Einer der Männer versucht sich mit Wasser die Haare vor einem zerbrochenen Spiegel zu stylen.

Die anderen fragen sofort nach Essen. Ein junger Mann hat eine fürchterlich geschwollene Backe, ein anderer eine Schwellung am Arm. Mit Antibiotika und Schmerzmitteln für den Zahn sowie Salbe und einem Stützverband für den Arm sehen beide zwei Tage später deutlich besser aus. Die Schmerzen und Schwellungen sind weg. Innen sind die Decken schwarz vom Ruß des Feuers, der Rauch brennt in der Nase. Alle husten ständig.

Die Männer sind vor drei Jahren in Pakistan gestartet. Einige von ihnen haben „the game“ bis zu 25 Mal hinter sich. Erfolglos. Vier oder fünf von ihnen habe ich vor ein paar Tagen am Straßenrand getroffen (ohne SOS-Bihac Logo oder Jacke) und gefragt, ob sie von irgendwem Kleidung und Nahrung bekommen?

Selten komme das lokale Rote Kreuz, regelmäßig alle paar Tage SOS, die mit den gelben Jacken, sagten sie und streckten ihre Daumen lächelnd hoch. Da sei auch immer ein „Doktor“ dabei, der Wunden versorge und sich bei Schmerzen kümmert. Nur durch ein Fenster an der Rückseite der verrauchten Bruchbude fällt Licht hinein.

Wir fahren zurück zum SOS-Haus. Auf dem Hof stehen Container, aus denen wir sortierte Kleidung, Lebensmittel und Schlafsäcke in einen SOS-Nissan-Allrad laden. Dann geht die Fahrt weiter zu weiteren Ruinen und Zelten in Richtung des alten Flughafens.

Jetzt fällt mir auf, dass bisher keiner der Menschen eine Schmutzinfektion hatte, die durch nicht behandelte kleinere Wunden entstehen. Diejenigen, die länger als zwei oder drei Tage hier sind, tragen akzeptable Kleidung und haben Schuhe ohne Löcher. Sie haben Schlafsäcke, Isomatten und größtenteils brauchbare Rucksäcke. Mehr Gepäck als das Notwendigste ist zu schwer für das Leben auf der Balkanroute. Es ist noch immer ein Elend. Das Notwendigste incl. medizinischer Ver­sorgung zu haben ist jedoch besser, als es nicht zu haben.

Nachts ist es zurzeit still im SOS-Haus, am Rande der Stadt. Die Zimmer in dem ehemaligen Hotel ähneln einer Jugend­herberge, die auf viele Gäste ausgerichtet ist. Handtücher liegen auf den frisch bezogenen Betten, in den Badezimmern Zahnbürsten und Duschgel. Nachdem das Aachener Netzwerk das Gebäude gekauft hatte, dauerte es noch ein Jahr, bis die offizielle Genehmigung für die Übernachtung von Flüchtlingen auf dem Tisch lag. „Seitdem haben etwa 20 Gruppen hier übernachtet, die SOS-Bihac in den Wäldern oder am Straßenrand aufgefunden hat“, sagt Zlatan. Im Winter ist es ruhiger auf der Route. Erst in diesen Tagen wird es wärmer und damit das „Game“ wieder machbarer. Viele haben in Camps in Serbien oder Sarajevo überwintert. Wer jetzt nach Bihać kommt, der steht am Startpunkt für die letzte große und ebenso lebensgefährliche Strecke.

Um 4.30 klingelt das Telefon. Zlatan ist dran: „Wir haben drei Verletzte durch Messer in Lipa, einer ist schwer verletzt. Wir fahren ihn ins Krankenhaus. Kommst Du mit?“ Gefühlte zwei Minuten später rollt der vereinseigene Rettungswagen vom Hof. Das Camp Lipa liegt von hier 18 Kilometer entfernt. SOS Bihac wird alarmiert, wenn dort ein RTW-Team benötigt wird. Das IOM-Camp hinter einem hohen Drahtzaun war mit 1500 Menschen ausgelastet. Zur Zeit leben dort etwa 300. In der Sanitätsstation angekommen stellt sich heraus, dass einer der Männer eine schwere Stichverletzung im Oberkörper hat, ein weiterer nur eine nicht lebensbedrohliche Schnitt­verletzung. Faris Hasic hat die Spätschicht im SOS-RTW. Er wohnt eine Minute mit dem Auto vom SOS-Haus entfernt. Tagsüber studiert er Jura. Vorher war er vier Jahre auf der medizinischen Schule und hat die Lizenz für den RTW in Bosnien. Wir arbeiten die Erst­versorgung ab und Zlatan fährt mit Blaulicht und Horn ins Krankenhaus. Für genau solche Verletzungen hatte ich in Deutschland spezielle handtellergroße Pflaster (Chest Seal) besorgt und zu Zlatan geschickt. In dieser Nacht war ich froh, die „Pflaster mit Ventil“ im Wagen zu haben. Es hat sehr gut damit funktioniert. Der Patient hat überlebt und wurde notoperiert. Ein späterer Besuch im Krankenhaus war wegen Corona leider nicht möglich.

Mittlerweile hat der Tag begonnen. Der RTW muss desinfiziert und nachgerüstet werden. Wegen der gut sortierten beiden Apotheken­räume geht das schnell. Auf dem Hof vor dem SOS-Haus sammelt sich eine Handvoll Leute, die nun Kleidung sortieren, Patrouille fahren oder Arbeiten am Haus erledigen. Auch im mehrere hundert Quadratmeter großen Hauptlager ganz in der Nähe stehen noch einige unsortierte Kleiderspenden und es warten zwei bosnische Familien auf Besuch. Die eine Mutter soll eine Zyste im Bein haben, ist aber nicht versichert. Eine andere Mutter hat nichts mehr zu essen für ihre vier Kinder. Das Telefon wird sicher wieder klingeln. Auf alles muss reagiert werden.

Neun Tage nach der Begegnung mit der Frau aus Kamerun und ihren beiden Begleitern fahre ich zurück nach Deutschland. Als sie in Lohovo am Straßenrand auf dem Gras lag, habe ich mit dem Stethoskop ihr Herz schlagen gehört. Auch das des Schwerverletzten mit dem Loch im Thorax. Mehrfach habe ich ein paar Minuten lang seinen Puls an meinen Fingerkuppen gefühlt. Innerhalb von wenigen Augenblicken ist man einem eigentlich fremden Menschen sehr nah. Jetzt bin ich wieder weg, auf der anderen Seite der unsichtbaren Mauer in der EU. Aber Zlatan und sein Team nicht. Auch andere nicht, die sich auf der Balkanroute weiterhin und gegen alle Widrigkeiten tapfer für Mensch­lichkeit einsetzen. Das ist gut so.

Erschreckend dagegen ist, dass EU-Präsidentin Ursula von der Leyen offensichtlich keine Veranlassung sieht, das Thema mit Priorität zu versehen. Europa verweigert sich nach Jahren der Unmenschlichkeit an den EU-Außengrenzen noch immer einer Lösung. Straftaten gegen Menschen im Auftrag der Europäischen Union sind straffrei und sogar gewünscht. Deshalb sind ihre Opfer vogelfrei.


ENDE
Bildergalerie Deutsche Welle: https://p.dw.com/p/49VCf

Dirk Planert (SOS Bihać, Text und Fotos)

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