Unser LKW ist da

Unsere Spenden kommen an

Heute ist unser großer Tag. Aus unseren Geldspenden werden Sachspenden – vorwiegend Lebensmittel. Und auch unser Hilfsgüter – vorwiegend Winterkleidung – kommen an.

Bevor wir heute um 9:00 Uhr von Selam Midzic abgeholt werden, erfahre ich vom LKW-Fahrer, dass er gegen Mittag mit unserer Hilfslieferung am Grenzübergang Izacic/Bihac ankommen wird.

Gerade als er uns abholt, bekommt Selam Midzic einen Anruf aus Vucjak – eine Hilfslieferung eines Unternehmers aus Bosnien bestehend aus Wasser, frischem Brot, Frühstücksfleisch in Dosen und Obst ist angekommen. Auch der Unternehmer ist vor Ort. Ein offizieller Vertreter des Roten Kreuz muss her – und das ist Selam Midzic.

Er bittet uns mitzukommen, um auch bei der Verteilung zu helfen. Das machen wir doch gerne. Also statt der geplanten Besichtigung des Camp Borici (gestern noch fälschlicherweise Bira genannt) wo die Familien untergebracht sind, fahren wir wieder nach Vucjak. Wir sind kurz nach 9:30 Uhr da.
Ein LKW steht quer vor dem Camp geparkt, die Ausgabe der Hilfsgüter hat bereits begonnen.

Das Lager ist voller
Das Lager ist voller

Heute ist die Schlange länger als gestern. Ich hatte gestern mehr als 500 Migranten/Flüchtlinge geschätzt. Später werde ich erfahren, dass es gestern ca. 750 waren, aber heute 1200 Menschen in Vucjak sind.

Im Gegensatz zu gestern ist das Wetter freundlich, sonnig und heiter.
Flüchtlinge und Migranten erzählen von einer schrecklichen Nacht mit Gewitter auf 1100 m Höhe. In viele Zelte hat es wohl rein geregnet.

Es ist irgendwie unruhig vor Ort. Polizei ist heute zahlreicher als gestern vor Ort. Sie sehen streng aus, wenn sie sich mit den Migranten und Flüchtlingen unterhalten.

Später sehe ich in einem Fernsehbeitrag, wie ein Flüchtling berichtete, dass einige Männer in die Stadt gehen wollten, um sich „neue Decken“ zu kaufen, dass die Polizei sie aber daran gehindert hat, das Camp zu verlassen.

EUFOR-Soldaten
EUFOR-Soldaten

Wir begegnen einem Reporterteam von SAT 1, ein weiteres von Federalna TV ist auch vor Ort – sie machen ein Interview mit dem Spender vor Ort. Im Anschluss wird auch Selam um eine Stellungnahme gebeten. Auch englische EUFOR-Soldaten sind im Camp zwecks Berichterstattung, wie wir später erfahren werden.
Wir erfahren, dass heute eine außerordentliche Sitzung des Stadtrats von Bihac einberufen wurde. Angeblich sollen die lokalen Politiker später auch nach Vucjak kommen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Wann das genau sein wird, weiß man noch nicht.
Der Stadtrat will sich heute über einen neuen Standort für das Camp einigen. Selam erwartet leider nicht viel von diesem politischen Beschluss und bezweifelt, dass er heute gefällt wird. Und selbst wenn es dazu kommen würde, bedeutet das, dass das neue Camp erst im Frühjahr aufgebaut werden kann.
Denn die Wiesen sind durchnässt, was den Aufbau in diesem Moment sehr erschweren oder gar unmöglich machen würde.
Eine gute Lösung für ihn wäre es, die Flüchtlinge im Camp Bira nahe der Stadt unterzubringen.

Gegenwärtig sind dort weitere 1200 Flüchtlinge und Migranten untergebracht Die Bedingungen dort sind viel besser, weil dieses Camp vom der IOM (International Organisation for Migration) finanziert wird.
Haken an der Sache: der Mietvertrag für das Bira-Gebäude läuft am 15.11. 2019 aus und soll nicht verlängert werden. Das Gebäude ist im Privatbesitz eines Unternehmers, die Bedingung der EU für die Vergabe der Gelder ist aber, dass die Flüchtlingsunterkünfte Gebäude im stattlichen oder kommunalen Besitz sein müssen.
Solche Gebäude gibt es laut Selam Midzic leider nicht. Die Privatisierung wurde vollzogen.

Wenn der Mietvertrag nicht verlängert wird, bedeutet das, dass alle 1200 Menschen auf der Straße landen würden. Dazu kämen dann eventuell noch ca. 800 Personen aus Vucjak. Eine gruselige Vorstellung für alle in der Stadt. Eigentlich darf das nicht passieren, aber man weiß es nie. Auch das Unmögliche ist hier Möglich.

Selam weißt das. Er ist gefasst, bewahrt die Ruhe, versucht bestmöglich seine Arbeit zu machen, alles zu organisieren. Auch wenn die sich offenbarende Ungewissheit über die Standorte und potentielle Unterkünfte eine konkrete, etwas langfristigere Planung Planung unmöglich macht.

In dieser Krise offenbart sich die ganze Disfunktionalität des „jungen“ bosnisch-herzegowinischen Staates die auf der Uneinigkeit der politischen Kräfte beruht. Aber auch die Schwäche der EU.

Nach all den Geschichten die ich hier erfahre, scheint es mir so, dass es nur darum geht, wer wem erfolgreich den schwarzen Peter zuschieben kann. Mehr ist es nicht, als Verschiebung der Verantwortlichkeiten von einer auf die andere Ebene ohne konkrete Handlungen und Ergebnisse.

Nach der Verteilung der Güter nutzen wir die Zeit mit manchen Migranten ins Gespräch zu kommen.
Alle sind sehr freundlich, lächeln.
Es erstaunt mich, dass viele gar nicht Deutschland als Ziel vor Augen haben. Traumziele sind hauptsächlich Italien, Frankreich, Spanien. Viele wollen zu ihren Familien, die dort bereits leben hin.

Als Motivation der Pakistaner für diese Migrationsbewegung höre ich in allen Gesprächen: sie wollen Geld verdienen und der Armut im eigenen Land entkommen. Das ist Hauptbeweggrund für viele.

Afghanen erzählen uns, dass sie vor Taliban-Milizen flüchten. Ein 19-jähriger, er heißt Najib, holt sofort sein Handy raus und zeigt mir das Leichnam seines 17-jährigen Cousins. Der leblose, blutüberströmte Körper mit einer offenen Wunde am Bauch liegt auf einer Trage – von Taliban getötet. Als sein Cousin starb, hat er entschieden das Land zu verlassen, erzählt er mir. Er ist jetzt seit 8 Monaten unterwegs (Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Bosnien) und seit zwei Wochen in Vucjak. Ich wünsche ihm viel Glück auf seinem weiteren Weg und verabschiede mich.

Ein Shop im Camp
Ein Shop im Camp

Im Camp gibt es wohl auch Shops. Man kann dort Zigaretten, Cola, Wasser und traditionelles Essen kaufen. Betreiber sind geschäftstüchtige Insassen des Camps.

Wir fahren zurück in die Stadt und besuchen anschließend die Großküche des Roten Kreuzes. Dort werden Essen für die Camps Bira, Borici und Vucjak vorbereitet.

Großküche
Großküche

6 Personen arbeiten in der ersten Schicht. Gekocht wird in mobilen Küchen, die vom Deutschen Roten Kreuz gespendet wurden.

Unsere Praktikantinnen helfen bei der Vorbereitung der Speisen, während ich mit der Küchenleitung und Selam den Bedarf für Vucjak bespreche und anschließend mit ihnen Lebensmittel für die nächsten zwei Wochen einkaufen gehe. Sie gehen nicht auf mein Angebot ein, die dreifache Menge einzukaufen. Denn, so sagen sie, sie wissen nicht wie lange das Camp in Vucjak noch bestehen wird.
Wir einigen uns auf die doppelte Menge der im Kostenvoranschlag aufgeführten Lebensmittel, die wohl für 2 Wochen als warme Mahlzeit und im ca. 800 Flüchtlinge am Tag ausreichen sollen.

Weiter werden wir die Kosten für das seit Juni noch nicht bezahlte Brot in Höhe von 10.000 konvertibel Mark (ca. 5000 €) übernehmen.

Was für Zustände...
Was für Zustände…

Als wir nach ca. 50 Minuten wieder in das Camp zurück kehren, sind Khira, Ingrid und Sylvia fertig mit der Arbeit. Als Belohnung bekamen sie Mittagessen vor Ort. Sie lächeln zufrieden. Ich bekomme auch was leckeres zu Essen. Danach fahren wir noch mal los, um anderen Bedarf als Lebensmitteln einzukaufen: Plastikteller (leider), Besteck, Müllsäcke, Backpapier, Servietten…

Es ist mittlerweile 14:30 Uhr. Unser LKW ist seit 12:00 Uhr an der Grenze und muss weiter auf seine Abfertigung warten.

Wir verabschieden uns von Selam und seinem Team, um ihn nur zwei Stunden später wieder zu treffen. Wir 4 machen einen kleinen Spaziergang (unseren ersten) durch die Stadt am schönen Fluss Una. Im Stadtpark treffen wir wieder die beiden SAT 1 Reporter. Sie erzählen uns, dass ganz in der Nähe in einem verlassenen Haus, einem ehemaligen Seniorenzentrum, ganz viele minderjährige Flüchtlinge wohnen und laden uns ein dorthin mitzukommen. Wir gehen mit, weil wir sehen wollen, wie das ganze aussieht.

Flüchtlinge unter der Brücke
Flüchtlinge unter der Brücke

Auf dem kurzen Weg dorthin, entlang des Flusses, begegnen uns sehr viele junge Flüchtlinge. Manche sehen aus wie 12 oder 13 Jahre alt. Wir verstehen es nicht, wie das möglich ist, dass Kinder einen so weiten Weg gehen können.

Wie groß muss ihre Not sein?

Das Sat1-Team

Am Gebäude angekommen verabschieden wir uns von den Reportern, weil wir nicht mit in das Riesengebäude reingehen wollen, es sieht für uns sehr bedrohlich aus.
Später schreiben sie uns, dass sie erfahren haben, dass die dort untergekommenen, hauptsächlich minderjährigen Flüchtlinge Christen sind und deswegen nicht in die Camps reingehen wollen bzw. diese meiden.

Wir spazieren wieder zurück, Richtung Brücke. Unterhalb der Brücke stehen auch „Menschen aus fremden Ländern“ und waschen sich. Das Wasser der Una ist 11 Grad kalt, sehe ich später an einer Anzeigentafel.

Flüchtlinge überall
Flüchtlinge überall

Egal wo man hinschaut, egal wo man hingeht, egal ob Haupt- oder Seitenstraße – überall begegnet man diesen jungen Menschen und Kinder aus so fernen Ländern. Selten sind sie alleine, sondern mindestens zu zweit, dritt oder mehr.

Wir lassen alles auf uns wirken. Nach dem kleinen Spaziergang kehren wir um 15:30 Uhr zurück in unsere Unterkunft. Wir haben Toilette, Dusche, warmes und kaltes Wasser, Heizung und Licht. Diese Selbstverständlichkeiten unseren Alltags schätzen wir heute sehr viel mehr als sonst – nach alldem was wir gestern und heute gesehen haben.

Um 16:00 Uhr bekommen wir dann den lang erwarteten Anruf – unsere Hilfslieferung ist auf dem Weg zur Lagerstätte des Roten Kreuzes. Um 16:30 Uhr sind wir vor Ort. Der riesige LKW ist angekommen. Das Entladen beginnt.

Die Hilfsgüter sind abgeladen
Die Hilfsgüter sind abgeladen

Khira, Ingrid und Sylvia stehen in der großen Halle, freuen sich das Ergebnis ihrer Arbeit am Endziel zu sehen und lassen sich stolz von mir fotografieren. Wir alle sind sehr glücklich, dass unser am Montag gestartete Transport endlich angekommen ist. Die Kollegen vom Roten Kreuz freuen sich gemeinsam mit uns und sind glücklich über die sehr gut sortierte Ware des Aachener Netzwerks.

Pause
Pause

Eine Stunde später verabschieden wir uns von allen im Lager und gehen zum wohlverdienten Abendessen.

Hiermit naht sich unsere Mission dem Ende zu.

Morgen, Donnerstag wollen wir noch die ausstehenden Einkäufe erledigen und einen Besuch im Familiencamp Borici machen. Das haben wir heute leider nicht mehr geschafft.

Liebe Grüße von unseren Praktikantinnen und mir!

Giana