Rundbrief 29 – September 2021

Inhalt:

Der Sommer ist vorbei

Der Sommer. Urlaubszeit. Ruhige Zeit. Kurz „unterbrochen“ durch das Hochwasser. Selbst der Wahlkampf wollte nicht so richtig anlaufen. Aber die Schulferien in NRW waren früh und danach ging es los. Nun ist Herbst und auch die Wahlen sind vorbei. Es wird eine neue Regierung geben, eine andere, mal sehen.
Das Wetter wird schlechter werden…
Reden wir über das Wetter? Nicht wirklich. Denn wir wissen, was passieren wird. In den offiziellen und inoffiziellen Lagern der Menschen auf der Flucht wird es kalt und nass. Egal ob in Bihać oder Calais, auf Lesbos oder den zahlreichen anderen Stellen an der Außen­grenzen der EU. Kommt man im Sommer noch mit leichten Schuhen, wenig Kleidung und ohne „Dach über dem Kopf“ aus, so wird es in wenigen Wochen ganz anders aussehen.
Also wird es wieder Spendenaufrufe geben: Für Wintersachen, für Zelte, für Schlafsäcke, für feste Schuhe, …
Das Aachener Netzwerk wird wieder bei zahlreichen humanitären Projekten dabei sein, wir werden wieder Hilfstransporte organisieren – aber wir werden auch auf diese organisierten und kalkulierten Menschenrechtsverletzungen auf­merksam machen. Ab 30. Oktober wird unsere Ausstellung „Menschenrechte an den Außengrenzen der Europäischen Union“ für 9 Tage in der Hardenstein-Gesamtschule in Witten zu sehen sein. Weitere Termine folgen. Hoffentlich. Hoffentlich ohne Corona-Ein­schränkungen, vielleicht auch mit. (Wenn ihr die Ausstellung zu euch holen wollt, meldet euch!)
Auch Bina Mira und Flame for Peace sollen 2022 wieder stattfinden.
Das alles, ihr wisst das, geht nicht ohne Geld. (Unser Spendenkonto kennt ihr…) Also haben wir uns etwas überlegt. Besser gesagt, wir haben es uns bei unseren Freunden von Schutzengel gesucht (das sind die, die das Kinderheim Centar Duga gegründet haben) abgeschaut:
Wir möchten eine Kunsta(u)ktion machen: Künstler stellen uns ihre Werke zur Verfügung, wir versteigern sie und schauen dann mal, wie wir uns den Erlös teilen (nein, das überlegen wir uns natürlich vorher).
Wenn ihr Künstler kennt, von denen ihr denkt, dass sie uns und unsere Projekte unterstützen würden, stellt gerne einen Kontakt her.
Ihr merkt: Ideen und Projekte haben wir genug. Nicht nur wir. Ein paar Projekte stellen wir in diesem Rundbrief wieder vor. Es gibt mehr, als wir unterstützen können.
Und das ist gut so. Es macht Hoffnung.
Auch wenn die kalte und dunkle Jahreszeit kommt.
Lasst uns Wärme spenden.

Helmut

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MFS-Emmaus

„Međunarodni forum solidarnosti – Emmaus“ ist seit 1999 in Bosnien und Herze­gowina tätig.
Seit dem Jahr 2017 beschäftigt sich MFS-EMMAUS mit der Entwicklung sowie Durch­führung von Projekten für Geflüchtete. MFS-Emmaus ist seit Mai 2021 offizieller Partner des Aachener Netzwerks.
Eines unserer Mitglieder war im Sommer in Tuzla und sprach mit Mirela und Dzeneta, die für MFS-Emmaus ein Hilfsprojekt leiten, in dem u.a. Essenspakete verteilt werden.
Ein ge­mietetes Haus dient Geflüchteten als Treffpunkt und bietet auch die Möglichkeit zu Duschen. Mirela nahm an unserem (Zoom-)Plenum teil, schilderte das Projekt und die unsichere finanzielle Lage. Daraufhin beschlossen wir spontan, die Miete des Hauses für das Jahr 2022 zu übernehmen.
Gebraucht werden zudem Kleidung, Schlaf­säcke und Hygieneprodukte, Geld für Nahrungsmittel und ein Auto – siehe Artikel im Juli-Rundbrief.

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Flutopfer

Mitte Juli ging im Rheinland die Welt unter. Naja, zumindest machte es teilweise den Eindruck.
Eines unserer Mitglieder ist Lehrerin an einer Schule in Eschweiler. Die Schule ist bei der Flutkatastrophe „abgesoffen“, genau wie das Haus ihres Hausmeisters nebenan. Dort müssen Estrich und Putz im Erdgeschoss entfernt und erneuert werden.
Diesen Hausmeister, der sich immer mit ganzem Herzen um alle gekümmert hat, möchten wir nun unterstützen und ihm etwas zurück geben – mit eurer Hilfe. Wir werden ihm einen Zuschuss für eine neue Küche geben. Wahrscheinlich wird es nicht ganz für die komplette Küche reichen. Wenn ihr noch etwas dazu tun möchtet, spendet gerne mit dem Verwendungszweck „Fluthilfe“.

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Interview: Im Kinderheim Centar Duga

Esada Huber hat im Juni dieses Jahres das Kinderheim „Centar Duga“ (Zentrum Regenbogen) im bosnischen Kulen Vakuf vorgestellt. Danach interessierte sie sich umso mehr dafür, wie Erzieher*innen mit diesen hohen Anforderungen und emotionalen Belastungen umgehen. Bei ihrem zweiten Besuch in Bosnien im August sprach sie deshalb mit Jasminka Vajzović, die seit der Gründung des Kinderheims als Erzieherin dort tätig ist:

Esada Huber (EH): Frau Vajzović, beschreiben Sie doch bitte zunächst kurz Ihren Arbeitsalltag im „Centar Duga“.

Jasminka Vajzović (JV): Ja also, wir Erzieher*innen arbeiten hier in drei Schichten und jede*r Erzieher*in ist jeweils einer Altersgruppe der Kinder zugewiesen. Die erste Schicht beginnt um 06.00 Uhr morgens. Nach einer kurzen Übergabe über die Ereignisse in der Nacht werden die älteren Kinder nach und nach geweckt und bei der morgendlichen Körper­hygiene unterstützt. Danach gibt es in den je­weiligen Gruppen ein gemeinsames Frühstück und anschließend Gruppenspiel oder Einzel­förderung der Kinder, je nach Bedarf. Bei schönem Wetter gehen wir vor dem Mittag­essen mit den Kindern noch in den Garten, ansonsten wird drinnen gebastelt oder vorgelesen. Wir Erzieher*innen fahren und begleiten die Kinder auch zum Arzt nach Bihać, wenn dies notwendig ist. Dann teilen wir die Gruppen dementsprechend untereinander auf, da so ein Arztbesuch immer den ganzen Tag in Anspruch nimmt. Nach dem Mittagessen gibt es eine Ruhezeit für die Kinder. Die Kleineren schlafen dann meistens, und so gegen 14.00 Uhr kommt dann auch schon die nächste Schicht. Nachmittags gehen wir mit den Kindern bei jedem Wetter in den Garten, um ihre motorischen Fähigkeiten weiterentwickeln und auch fördern zu können. Abends gibt es dann wieder ein gemeinsames Essen und dann ist auch schon die Schlafenszeit da. Um 22.00 Uhr beginnt dann die Nachtschicht, wo wir meistens zu zweit arbeiten. Wenn wir viele kranke Kinder haben, muss auch schon mal eine dritte Kollegin aushelfen. Aber so im Großen und Ganzen ist das ungefähr so ein Arbeitsalltag hier im „Centar Duga“.

EH: Gibt es denn in Ihrem Arbeitsalltag auch mal für Sie als Erzieher*in besonders belas­tende Situationen?

Jasminka Vajzović

JV: Naja, als ich hier angefangen habe zu arbeiten, war eine Zeit lang jeder Tag für mich eine belastende Situation. Ich habe aber gelernt, damit umzugehen und dadurch, dass es uns gelingt, die meisten Kinder entweder in ihre Ursprungsfamilien zurückzuführen oder in eine Adoption zu vermitteln, sind diese Situationen für mich immer weniger und erträglicher geworden. Ich denke mir dann immer, dass es doch schön ist, Kindern ohne Familie eine Zeit lang diese zu ersetzen, bis sie wieder ein neues, dauerhaftes Zuhause finden oder in ein hoffentlich verändertes bekanntes zurückkehren. Trotzdem gibt es natürlich immer wieder besonders belastende Situationen, wie beispielsweise einmal, als die Adoption nach mehreren Wochen Aufenthalt des Kindes in der Familie doch noch gescheitert ist. Wir tun unser Möglichstes, um die Kinder und potenzielle Adoptiveltern auf ein Zusammenleben vorzu­bereiten. Die interessierten Eltern müssen eine Weile lang bei uns hier wohnen und Einiges über sich ergehen lassen, bevor das Sozialamt und wir dann eine gemeinsame Entscheidung über die Eignung abgeben. Dennoch scheint es immer wieder, dass viele Paare, die sich für eine Adoption interessieren, sich nicht voll­ständig darüber bewusst sind, welche Verantwortung und Arbeit damit auf sie zukommt. Zum Glück sind diese Situationen jedoch wirklich sehr selten, eben dadurch, dass wir so viel Zeit für das Kennenlernen hier bei uns einfordern.

EH: Und wie ist es für Sie, wenn immer wieder neue Kinder dann die frei gewor­denen Plätze belegen?

JV: Ja im Prinzip ist es tatsächlich so, dass frei gewordene Plätze fast schon wieder für neue Kinder oder Säuglinge reserviert sind, leider. Ich persönlich empfinde es dann als belastender, wenn bereits ältere Kinder zu uns kommen. Diese Kinder hatten schon irgendwie eine Bezugsperson in der Familie, aus der sie kommen, egal wie diese Person war. Für uns bedeutet das dann, dass wir anfangs sehr viel mehr Empathie und Ausdauer für dieses Kind aufbringen müssen, um es in unser Gruppen­leben einzugewöhnen. Dieses Kind hat ja bereits auf irgendeine Art erfahren, wie es ist, in der eigenen Familie zu leben, auch wenn meistens die Verhältnisse eben dieser Familie dazu geführt haben, dass das Kind von uns in Obhut genommen wird. Trotzdem haben diese Kinder bereits Beziehungen aufgebaut, die wir nicht immer aufrechterhalten können oder dürfen. Das ist dann immer sehr schwierig für uns alle. Bei Säuglingen ist es jedoch so, dass sie ja von Anfang an nichts anderes kennen und sich sehr schnell in das Gruppenleben einfügen und ihre Position darin auch festigen. Da ist es dann so, dass diese Kinder mehr Zeit benötigen, um mit einer Adoption zurechtzu­kommen. Deshalb haben wir hier bei uns in „Centar Duga“ auch einen Familientag eingeführt, an dem die Kinder mit ihren „Bezugserzieher*innen“ zu ihnen privat nach Hause gehen, um ihnen zu zeigen, wie es in einer „normalen“ Familie abläuft. Alle Kinder freuen sich immer auf diesen Tag, denn dann müssen sie „ihre*n“ Erzieher*in mit keinem anderen Kind teilen. Von großem Vorteil für uns ist, dass alle Erzieher*innen hier im Ort wohnen und es dadurch keinen zu großen Aufwand bedeutet, und den Kindern tut es sehr gut.

EH: Frau Vajzović, zum Abschluss noch eine letzte Frage: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich für Ihre zukünftige Arbeit im Kinderheim „Centar Duga“ wünschen?

JV: Tja, wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich mir wünschen, dass es so etwas wie uns gar nicht geben müsste. Jedes Kind hat ein Recht auf seine eigene Familie, aber leider können manche Kinder dieses Recht nicht wahrnehmen oder es wird ihnen von der Familie selbst oder von außen erschwert.
Deshalb bin ich froh, hier in „Centar Duga“ arbeiten zu dürfen, wo wir eben durch Spendengelder die Möglichkeit haben, so etwas ähnliches wie eine Familie auf Zeit für die Kinder zu sein. Ohne diese finanziellen Zuwendungen wäre das personell nicht möglich, was man leider bei vielen anderen Betreuungsunterkünften hier in Bosnien beobachten kann. Ich wünsche mir einfach nur, dass wir unsere Arbeit auch weiter so ausgestalten können wie bisher, ja, das wäre mein Wunsch.

Esada Huber

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Die Festung Europa

Im März schon haben wir über das frachcollective berichtet. Hendrik stellt die Sicht der ursprünglich Schweizer Gruppe über Europas Politik dar und berichtet über unsere Zusammenarbeit:
Europas Abschottungspolitik schallt durch alle Länder und macht auch in Bosnien keinen Halt.
Tausende Menschen machen sich auf die Suche, in der EU Schutz und Sicherheit zu finden. Immer wieder versuchen sie unter harten Bedingungen von Bosnien in die EU zu gelangen. Doch die Grenzübertritte lassen sich nur schwer ermöglichen. Immer wieder sehen sich die Leute mit psychischer und körperlicher Gewalt der örtlichen Behörden konfrontiert. Europas Abschottungspolitik tritt die Menschenrechte mit Füßen.
Die Situation in Bosnien ist prekär. Tausende Menschen auf der Flucht stecken in Bihać und weiteren Städten fest. Geflüchtet aufgrund von Kriegen, Gewalt, Armut, Ausbeutung, …, abgeschottet von der Festung, geschaffen von einer kapitalistischen Politik. Die Lage scheint aussichtslos, aber dennoch versuchen Menschen wieder und wieder und wieder in die EU zu gelangen und stehen ein zweites, ein drittes und auch ein 28. Mal auf. Der Wunsch nach Freiheit und Ruhe ist groß. Es ist wahnsinnig anzusehen, was Menschen ertragen können und wie viel Kraft in denen steckt. Sich nicht unterkriegen zu lassen und für etwas zu kämpfen, was für den privilegierten Westen Alltag ist. Menschen auf der Flucht werden auf allen möglichen Ebenen misshandelt, missbraucht und unterdrückt. Der Grenz­über­gang stellt sich als sehr schwierig heraus und geht mit vielen Wunden einher, sowohl physisch als auch psychisch. Aber das reicht den Repressionsorganen nicht. Als Machtdemonstration und als Zeichen der Unterdrückung werden Menschen oft noch um ihr letztes Hab und Gut beklaut oder dieses sinnlos zerstört.
Wieder zurück in Bosnien, finden die Menschen auf der Flucht auch nicht zur Ruhe. Auch hier erfahren Migrant:innen und Asylsuchende massive Repressionen. Ausgeschlossen von der Gesellschaft erfahren sie starke Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie das Verbot, sich auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Wobei diese noch zu den “harmlosen“ Maßnahmen zählen. Weiter werden die Leute aggressiv aus der Innenstadt von Bihać verjagt. Um das „ach so schöne“ Stadtbild nicht zu zerstören, sollen die Menschen mit allen Mitteln und Wegen ins Kilometer weit entfernte und menschenunwürdige Camp in Lipa gezwungen werden. Hier wird vor keiner Gewalt Halt gemacht. In den letzten Wochen haben Räumungen in und rund um Bihać vermehrt statt gefunden.
Wir wollen nicht wegschauen und unter anderem auf diese Situation aufmerksam machen. Zusätzlich versuchen wir weiter so viele Migrant:innen und Asylsuchende wie möglich, die diesen Repressionen ausgesetzt sind, zu unterstützen. Aufgrund der allgemeinen Zerstörungswut der Behörden benötigen die Menschen auf der Flucht vor allem immer wieder Kleidung, Schlafsäcke und Zelte. Von Schuhen mal ganz abgesehen.
In diesem Sommer konnten wir, unterstützt durch den Nürburgring und das Aachener Netzwerk, einen solchen Transport ermöglichen. Wir möchten uns sehr für die Unterstützung und die Zusammenarbeit bedanken! Das Aachener Netzwerk stand uns nicht nur logistisch und finanziell zu Seite, sondern konnte uns auch mit seinem Know-How weiterhelfen. Vielen lieben Dank & gerne wieder 😊

Hendrik vom frachcollective

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Habibi.works

Angeliki Pappas ist Mitglied im Aachener Netzwerk und unter­stützt privat das Projekt Habibi.works in Katsi­kas/Ioannina (Nord­west­griechenland)
Von Ioánnina, der Haupt­stadt von Épirus im Nordwesten Griechen­lands, nach Richtung Süden fahrend kommt man durch die Vororte Anatolí und Katsikás, weiterfahrend trifft man rechts der Landstraße auf eine Anordnung von überwiegend grauen, alten Hangars. Das ist das Flüchtlingscamp Katsikás, ein ehemaliges Militärlager mit dem Status eines Militärgebiets. Dort sind rund 1000 geflüchtete Personen untergebracht, das Camp wird geleitet mit Unterstützung des UNHCR.
In unmittelbarer Nähe zum Flüchtlingscamp Katsikás, links der Landstraße, befindet sich Habibi.Works, untergebracht in einer ehe­maligen Lagerhalle. Die Initiative entstammt dem Verein Soup & Socks e.V., gegründet im Dezember 2015, als sich die politische Krise in Europa zuspitzte. 8 Monate nach der Gründung hatte sich der Fokus des Vereins von punktueller Nothilfe auf nachhaltige Lösungs­ansätze verschoben und das Projekt Habibi.Works wurde gegründet. Habibi.Works ist ein interkultureller „Maker-Space“, der Menschen aus den umliegenden Flüchtlings­camps und der lokalen Bevölkerung in der Umgebung (Nordwestgriechenland) Plattform bietet für Begegnung, Bildung und die Umsetzung von Projekten für den Alltag. Diese Menschen haben ansonsten kaum Zugriff auf Bildung, psychologische Betreuung, den Arbeitsmarkt, würdevolle Lebensbedingungen oder auf Zugang zur griechischen Gesellschaft.
Für die Geflüchteten gibt es kaum Perspek­tiven; sie warten oft mehrere Jahre auf die nötigen Papiere für eine Weiterreise. Da es kaum Arbeit gibt (seit der Wirtschaftskrise auch für die Griechen nicht), ist es für sie unattraktiv, hier zu bleiben. Sie möchten weiterkommen, nach Deutschland oder Frankreich oder andere Länder im Norden. Englischkurse sind begehrt, aber es werden nicht viele Kurse angeboten. Hierfür gibt es „Second Tree“, eine befreundete NGO aus Ioánnina, die Sprachkurse in Englisch und Griechisch anbietet, aber auch einen Kindergarten betreibt und sich um jugendliche Geflüchtete kümmert.
Habibi.Works wird überwiegend von jüngeren Menschen auf freiwilliger Basis betrieben, zum einen Langzeit-Volunteers, die z.T. schon über Jahre hier in Vollzeit arbeiten, zum anderen Kurzzeit-Volunteers für drei Wochen und mehr. Die Teammitglieder kommen dabei über­wiegend aus Deutschland, aber auch aus Griechenland, den Niederlanden, Spanien, Palästina, Jordanien, England und den USA. Der feste Stamm des Teams leitet dabei überwiegend die etablierten Workshops. Daneben werden temporäre Workshops angeboten.
Wir sind über die Seite von Betterplace.org auf das Projekt aufmerksam geworden. Das Camp, für das Habibi.works seine Angebote macht, liegt nahe bei Ioannina in Nordwestgriechen­land, der Heimatstadt meiner Familie.

Kletterwand

Neben diesen veröffentlichten Informationen hatte ich noch Kontakt in einem langen Telefonat mit Mimi Hapig, einer der Gründer­innen des Projekts und aktuell seit über 5 Jahren in der Leitung engagiert.
Während unseres Aufenthalts in Ioannina haben wir dann den Besuch vereinbart und mehrere Mitarbeiter haben sich Zeit genommen, uns das Gelände mit den Werkstätten zu zeigen.
Derzeit befinden sich über 115,000 Geflüchtete in Griechenland und die Zahl der Ankommenden steigt stetig. In der im Norden Griechenlands gelegenen Region Epirus befinden sich derzeit 3000 geflüchtete Menschen. Für diese mangelt es an Zugang zu psychologischer Unterstützung, zu Arbeits­möglichkeiten sowie überhaupt zu einem adäquaten Integrationsprogramm. Die meisten der Betroffenen leben in Lagern, ausgegrenzt und am Rande der Gesellschaft.
Hier packt Habibi.works an: durch die verschiedenen Werkstätten werden Talente und Interessen angesprochen. Die Kreativität und Gestaltungsfähigkeit wird angesprochen und es entstehen Produkte für den Eigenbedarf oder gemeinsame Koch- und Mahlzeiten. Die Räumlichkeiten bestehen insgesamt aus 10 verschiedenen Workshop-Bereichen: Holz- und Metallwerkstatt, IT-Bereich, Gemeinschafts­küche, Nähbereich, Kreativ­bereich, Fahrrad­werkstatt, Bücherei, Sportanlagen und ein Gemeinschaftsgarten.
Statt Anweisungen zu geben oder Vorgaben zu machen, orientieren sich die Expertinnen und Experten, die in Habibi.Works auf freiwilliger Basis ihr Wissen und ihre Zeit einbringen, an den Bedürfnissen der Zielgruppe. Habibi.Works ist damit ein gelebtes Beispiel für drei grundlegende Werte, die wir gerne in unseren Gesellschaften sehen möchten: Gleichheit, Solidarität und Respekt.
Die Werkstätten wurden in den letzten Jahren Stück für Stück entwickelt: Fahrradreparatur z.B. trägt sehr dazu bei den geflüchteten Personen Mobilität zu ermöglichen, die öffentlichen Verkehrsmittel sind häufig zu teuer und die Distanzen zu Fuß doch zu weit. Innovative Ideen wie durch Bügelpresse alte Plastiktüten in Stoff für Windjacken umzuwandeln bringen Team und workshop-Teilnehmer weiter.
Außergewöhnlich ist neben den Werkstätten der Einsatz von neuen Technologien wie Plastic Press: Plastikteile wie Schraubverschlüsse von Flaschen werden gesammelt und ein­geschmolzen. Daraus entstehen Stangen, die zum Aufbau von z.B. Regalen genutzt werden können.
So wie der Dome auf dem Außengelände oder die Kletterwand können durch kurzfristige Einsätze von Künstlern und Gast-Teams einzigartige Werke mit Strahlkraft entstehen.
Das Team von Habibi.works möchte auch das Bewusstsein sowie die Sensibilität gegenüber der aktuellen Situation in anderen Ländern Europas fördern. Regelmäßig werden Treffen mit Einladung der Ortsansässigen von Katsikas gehalten. Sie unterstützen die geflüchteten Menschen auf ihrem Weg der Integration und bieten ihnen gleichzeitig den Raum, ihre Talente und ihr Können auszuleben und zu zeigen.
Besonders beeindruckt waren wir über die Energie und die Hingabe, die wir bei allen Mitarbeitern gespürt haben. Mimi und andere Volunteers haben sich Zeit genommen, uns die Workshops zu zeigen und sind gut erreichbar für Rückfragen.
Durch den Lockdown in der Covid-19 Pandemie konnten die Werkstätten bis Mai nicht die gewohnten Angebote machen, aktuell können Teilnehmer nach Anmeldung in die Werkstätten kommen. Alle waren in ihre Aktivitäten vertieft, es war eine ruhige und konzentrierte Stimmung und es gab auch Rückzugsorte und Einzelarbeitsplätze an Schreibtisch und Computer.
Wir möchten das Projekt weiter bekannt machen und auch in Zukunft unterstützen und werden es nächsten Sommer wieder besuchen, jedenfalls ist nicht davon auszugehen, dass keine Geflüchteten mehr in dem Camp sein werden: die Politik hat dort noch viele Aufgaben zu lösen.
Was sich Habibi.works aktuell wünscht:
– ehrenamtlich Mitarbeitende/Volunteers
– Materialien für die Fahrradreparatur-Werkstatt
– Monatsmiete für die Werkstatt 700 m2 Fläche
– finanzielle Unterstützung, z.B. für 3 Monate
– Aufwandsentschädigung für Projektleitung

Angeliki Pappas

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Einweg-Spritzen für Bihać

Kooperationen mit anderen Vereinen sind unser tägliches Geschäft. Die Flüchtlingshilfe Ruchheim ist ein kleiner Verein in einem Vorort von Ludwigshafen, spezialisiert besonders auf das Besorgen und Verteilen von medizinischen Produkten. Das geht von einfachen Pflastern bis hin zu Großgeräten mit 6stelligem Wert.
Mitte August haben wir 300 Einwegspritzen zu SOS Bihać gebracht, damit sie im Lager Lipa eingesetzt werden können.

Mitte September gingen dann 200 kg Windeln (für Erwachsene) dank unserer Vermittlung nach Griechenland.

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Rahma

Jana Hartmann von der Balkanbrücke wirbt um Unterstützung für den Verein Rahma, der Geflüch­tete in Velika Kladuša unterstützt.
Rahma ist ein Verein, der von zwei Bosnierinnen gegründet wurde, die seit einiger Zeit Menschen auf der Flucht unterstützen. Rahma kommt aus dem arabischen und bedeutet Mitgefühl. Dieser Name wurde im Gespräch mit Menschen auf der Flucht aus­gewählt. Die Unterstützungs­arbeit von Rahma richtet sich an Menschen außerhalb der Camps, die in Wäldern und Squats leben. Das Team verteilt täglich Lebensmittel, Kleidung, Schlafsäcke und leistet medizinische Erste Hilfe. Die Behandlung von Hautkrankheiten hat bei ihrer Arbeit eine hohe Priorität. Hierzu zählt auch das regelmäßige Waschen der Kleidung der Menschen vor Ort sowie die Bereitstellung mobiler Duschen. Aktuell reichen ihre Kapa­zitäten dabei für circa 400 – 500 Menschen, die sie jede Woche unterstützen können.
Der Verein unterstützt mit seiner Arbeit die Menschen auf der Flucht im Norden Bosnien und Herzegowinas in der Nähe der kroatischen Grenze.
Bosnien und Herzegowina ist ein wichtiges Transit­land auf dem Weg in die EU. Eine langfristige Registrierung oder ein Asylverfahren ist in Bosnien und Herzegowina für flüchtende Menschen nahezu unmöglich. Da jedoch die Weiterreise nach Kroatien und damit in die EU durch Push­backs und Gewalt an den Grenzen verwehrt bleibt, wird Bosnien und Herzegowina für viele tausende Menschen zu einer Sackgasse ohne Aufenthaltsstatus. Sie erfahren immer häufiger Gewalt und Schikane durch Polizei und Behörden z.B. bei der Räumung von Squats, wo unter anderem auch ihre Habseligkeiten verbrannt werden.
Durch die Pushbacks der kroatischen Polizei mit Unterstützung der EU werden flüchtende Menschen daran gehindert in die EU einzureisen. Beim Versuch die Grenze zu über­queren wird ihnen häufig alles abgenommen, ihre Kleidung verbrannt, Handys zerstört, und es kommt durch die extreme Gewalt, die angewendet wird, zu Verletzungen. Allerdings haben flüchtende Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, um diese Verlet­zungen zu behandeln.
Da es an offiziellen Camps und offizieller Unter­stützung vor Ort mangelt, spielen Privat­personen oder Vereine wie Rahma bei der Versorgung der Flüchtenden eine wichtige Rolle.
Rahma freut sich über jede Spende, gerne auch monatlich, an:
Udruženje ’Rahma‘
Trnovi bb, Velika Kladusa
BA39 3385 1022 3711 3339
UniCredit bank d.d. Mostar
Adresse: Kardinala Stepinca bb, 88000 Mostar, Bosnia and Herzegovina

Jana Hartmann von Balkanbrücke

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